Mia Engiadina will die Digitalisierung in die Täler des Engadins bringen. Seine Mischung aus Bürgerinitiative und Unternehmergeist kommt dem Projekt zugute: weil es so breit abgestützt ist, konnten innerhalb kurzer Zeit beachtliche Fortschritte erzielt werden. powernewz sprach mit Jon Erni, Initiant und Präsident des Vereins Mia Engiadina.

Der Name verrät schon vieles: Mia Engiadina – rätoromanisch für “mein Engadin” – ist ein Projekt für die Region. Eine Facebook-Gruppe für das Projekt gab es schon seit 2014, am 29. Januar 2016 wurde dann schliesslich die Mia Engiadina Charta unterzeichnet.

Die Charta zitiert UN Nachhaltigkeitsziele, welche im selben Monat in Kraft getreten sind und für alle Staaten gelten. Zum Beispiel die Schaffung einer soliden Infrastruktur, die eine ökonomische, ökologische und soziale Entwicklung ermöglicht und Innovationen bestärkt.

Jon Erni ist Mitinitiant des Projektes und Präsident des Vereins Mia Engiadina. Er ist überzeugt, dass die Digitalisierung ein guter Weg zur Erreichung dieser UN Nachhaltigkeitsziele ist. Denn sie ermögliche neue Lebens- und Arbeitsmodelle und dadurch neue ökonomische Chancen für Randgebiete.

“Ökologisch ist die Digitalisierung vor allem, weil sie die Reisetätigkeit reduziert.”

Dass in der Schweiz im Bezug auf Internet-Zugang grosse Ungleichheiten herrschen, ist unbestritten. Auf dem Land bezahlt man mehr für Internet-Zugang als in der Stadt, und muss dazu mit einer bis zu 25mal langsameren Verbindung rechnen. Ursache ist, dass auf den letzten Metern bis zum Haushalt oft der Glasfaseranschluss fehlt. Ist dieser einmal hergestellt, probieren sich die verschiedenen Anbieter gegenseitig zu unterbieten und der Wettbewerb spielt.

Die unterzeichnete Charta Mia Engiadina.

Die unterzeichnete Charta Mia Engiadina.

Das Engadin und andere Berggebiete sind von diesem Problem besonders stark betroffen. Nicht nur insofern eine schnelle Verbindung in diesen Gebieten viel teurer ist, sondern weil es teilweise durch die fehlende Infrastruktur teilweise noch gar keine gibt. Insofern lässt sich Mia Engiadina als Bürgerinitiative verstehen, die sich für die Entwicklung in der eigenen Region einsetzt und selber in die Hand nimmt.

Mia Engiadina ist allerdings mehr als ein Entwicklungsprojekt. Es tritt auf wie ein visionäres Start-up Unternehmen, welches das Engadin mit Mountain Hubs selbstbewusst als “First third place” positioniert.

Jon Erni gibt gerne zu, dass dies mit seinem Hintergrund zu tun hat:

“Es braucht beide Seiten: die Privatwirtschaft und die öffentliche Infrastruktur, die übrigens auch in öffentlicher Hand bleiben soll.”

Durch seinen Werdegang habe er sich von der öffentlichen Infrastruktur des Glasfasernetzes bis zu den digitalen Endprodukten durch alle Ebenen der Digitalisierung bewegt. Früher hat er bei Alcatel-Lucent für zürinet (ewz) öffentliche Glasfaserinfrastruktur aufgebaut, dann bei Sunrise Unternehmen mit der Infrastruktur vernetzt, und sich schliesslich bei Microsoft mit Cloud Lösungen auseinandergesetzt.

Die Schweizer Städte sind schon weitgehend verkabelt, auf dem Land und insbesondere in den Berggebieten fehlen noch viele Glasfaseranschlüsse.

Die Schweizer Städte sind schon weitgehend verkabelt, auf dem Land und insbesondere in den Berggebieten fehlen noch viele Glasfaseranschlüsse.

Microsoft war schon sehr früh mit Cloud-Technologien unterwegs – zu Zeiten als es Privatpersonen oder Unternehmen noch eher suspekt war, die eigenen Daten oder Dokumente auf einem externen Server – in der Cloud –  zu speichern. Heute ist dies eine Selbstverständlichkeit.

Bevor Satya Nadella Microsofts CEO wurde, hat er die Cloud Abteilung des Unternehmens geleitet, mit einer klaren Vision: Mit der Cloud Leute befähigen, mehr aus ihrem Potential zu machen. Für Jon Erni sei diese Vision inspirierend gewesen:

“Früher habe ich Unternehmen auf dem Weg der Digitalen Transformation begleitet. Heute mache ich dasselbe für das Engadin.”

Eine sehr konkrete Manifestation dieser Vision sind die Mountain Co-Working Spaces. In Scuol, Ftan oder Ardez können sich Einzelne oder Teams zum Denken zurückziehen oder neue Ideen entwickeln und austauschen. Die Idee leuchtet ein: schon Friedrich Nietzsche, Thomas Mann und Herman Hesse nutzten das Engadin als Inspiration.

Jon Erni kam die Idee für die Co-Working Spaces vor allem durch Leute, “die zwar nicht im Engadin aufgewachsen sind aber trotzdem starke Wurzeln hier haben”, darunter auch Unternehmer.

“Das Engadin ist ein Denkort.”

Bei den Co-Working Spaces sei es auch nicht die direkte Rentabilität die im Zentrum stehe, sondern einen “Begegnungsort zu schaffen, an dem spannende Ideen entstehen.”

Co-Working Spaces kapitalisieren die zum Denken anregende Ruhe und Schönheit des Engadins.

Co-Working Spaces kapitalisieren die zum Denken anregende Ruhe und Schönheit des Engadins.

Dass dies weit mehr als eine Floskel ist, zeigen die Deals mit Swissgrid und der Rhätischen Bahn. Mia Engiadina konnte so eine Glasfaserleitung quer durch das Engadin legen.

Verschiedene Engadiner Gemeinden hatten mit vorsorglichen Rekursen den Bau neuer Hochspannungsleitungen gestoppt. Not Carl, ein Jurist und ebenfalls Initiant von Mia Engiadina, habe damals Jon Erni kontaktiert. Das Engadin lebe vom Strom und den Wasserzinsen, es mache keinen Sinn, den Ausbau der Strominfrastruktur bekämpfen, meinte er.

Im Februar 2016, einen Monat nach Unterzeichnung der Charta zogen die Engadiner den Rekurs gegen Hochspannungsleitung zurück. Im Gegenzug verpflichtete sich die nationale Netzgesellschaft Swissgrid, die weiteren Stromleitungen im Tal in den Untergrund zu legen. Mit einem Rohr für die Glasfaserkabel zwischen Scuol und S-chanf.

Dieser Meilenstein gab Mia Engiadina wiederum die Grundlage für einen genialen Deal mit der Rhätischen Bahn. Diese darf die neuen Glasfaserkabel der Gemeinden mitbenutzen und stellt im Gegenzug ihre eigene Verbindung von Landquart bis Scuol zur Verfügung.

Die Rhätische Bahn profitiert nun von einer erhöhten Betriebssicherheit. Denn von Scuol nach Sagliains hat sie nun einen Glasfaseranschluss, der keine Stichleitung ist, da er nicht unter ihrem Bahnnetz liegt. Und Mia Engiadina bekommt mit dem Anschluss nach Landquart mehr Optionen für verschiedene Anbieter.

Für Jon Erni zeigt sich hier der gemeinschaftliche Geist von Mia Engiadina:

“Unsere Vereinbarung mit der Rhätischen Bahn ist ein gutes Beispiel für den Spirit von Mia Engiadina.”

Das Projekt sei durch alle Ebenen abgestützt, von Mitgliedern der Kantonsregierung über Privatunternehmer und öffentliche Dienstleister wie der Rhätischen Bahn. Und weil alle das Projekt verwirklicht sehen wollten, liess sich auch eine Win-Win-Situation finden.

Jon Erni ist Mitinitiant und Präsident des Vereins Mia Engiadina und Mitglied in verschiedenen Verwaltungsräten, u.a. bei Energia Engiadina, EW Buchs oder openaxs.

Jon Erni ist Mitinitiant und Präsident des Vereins Mia Engiadina und Mitglied in verschiedenen Verwaltungsräten, u.a. bei Energia Engiadina, EW Buchs oder openaxs.