Im Zusammenhang mit der Energiestrategie 2050 haben sich die Forschungsaktivitäten zu Energiethemen in den letzten Jahren schweizweit erheblich verstärkt. Anders als früher arbeiten Universitäten heute intensiver mit der Privatwirtschaft für die Realisierung neuer Produkte im Energiebereich zusammen. Oft erreichen vielversprechende universitäre Ansätze das Stadium der Produktmarktreife aber trotzdem nicht. Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Nicht selten ist einer davon die mangelnde Vernetzung zwischen Universitäten und Unternehmen und das damit verbundene Fehlen eines nachhaltigeren Informationsaustausches im Energiebereich. So werden vielversprechende universitäre Ideen von der Privatwirtschaft nicht oder nur zu wenig erkannt und in der Folge auch nicht kommerziell weiterverfolgt. Dabei liegt gerade hier eine der zentralen Chancen für das Gelingen der Energiewende. Die Schaffung einer „online Partnersuche“ für Energieprojekte könnte da Abhilfe schaffen. Seit dem Frühling dieses Jahrs existiert mit Energy-Connect eine solche. Die Projektbörse versteht sich selbst als einen Ort, wo Hochschulen und Universitäten für ihre Projektideen interessierte Unternehmen gewinnen können, wo letztere aber auch konkrete Ideen und Bedürfnisse eingeben können.

Powernewz sprach mit Prof. Dr. Sabine Sulzer, der Projektleiterin von Energy-Connect und wollte mehr zur Projektbörse erfahren.

powernewz: Im Rahmen der Energiewende wird in der Schweiz auf universitärer Ebene seit einigen Jahren verstärkt zu Energiethemen geforscht. Was für eine Bedeutung kommt dabei heute dem frühen Austausch mit der Privatwirtschaft bei der Realisierung von neuen Forschungsprojekten zu?

Sabine Sulzer: Mit unserer Forschung wollen wir einen Beitrag zur Erreichung der Energiestrategieziele des Bundes leisten. Um das zu erreichen, müssen unsere Forschungsresultate vom Markt aufgenommen werden. Wenn wir die Wünsche und Ideen der Firmen und Kunden bereits in unsere Forschungsausrichtung aufnehmen, erzielen wir Resultate, welche besser akzeptiert und umgesetzt werden.

powernewz: Was hat sich hier in den vergangenen Jahren verändert? Warum liegt die universitäre Forschung im Energiebereich heute näher am „Puls“ des wirtschaftlichen Geschehens als früher?

Sabine Sulzer: Die Energieforschung wird heute von den Geldgebern stärker daran gemessen, welchen potentiellen Einfluss sie zur Erreichung der Energiestrategieziele oder unternehmerischer Ziele beitragen kann. Wir brauchen jedoch neben anwendungsorientierter Forschung auch Grundlagenforschung. Das erlaubt uns, bestehende Technologien und Lösungen grundsätzlich zu hinterfragen und neue Möglichkeiten aufzudecken. Aber auch die Grundlagenforschung soll aufzeigen können, welchen Einfluss sie in der Gesellschaft bewirken kann.

powernewz: Wie ist die verstärke Zusammenarbeit zwischen den Universitäten und der Privatwirtschaft im Energiesektor für die Zukunft einzuschätzen? Was bedeutet sie für die Energiewende?

Sabine Sulzer: Ich wünsche mir ein noch grösseres Interesse und Engagement von der Privatwirtschaft an der Forschung. Wir an den Universitäten und Hochschulen müssen daran arbeiten, dass wir den Mehrwert einer Zusammenarbeit noch besser aufzeigen können. So bleiben weniger Forschungsresultate in den Elfenbeintürmen stecken und gelangen zur Umsetzung in die Privatwirtschaft. Den Energiebedarf und den CO2-Auststoss können wir nur mit umgesetzten Lösungen senken.

powernewz: Viele Innovationen im Energiebereich entstehen heute noch immer klassisch „organisch“. Absolventen von Hochschulen machen sich nach dem Abschluss selbständig und gründen eigene Unternehmen. Die aus dem Studium mitgebrachten Ansätze werden dann weiterentwickelt und müssen sich später, als fertige Produkte, auf dem Markt behaupten. Das dauert oft lange und ist nicht selten ein steiniger Weg. Was für eine Rolle könnte die Projektbörse Energy-Connect in diesem Zusammenhang spielen?

Sabine Sulzer: Mit Energy-Connect fördern wir die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Hochschulen / Universitäten. Das können Start-ups oder etablierte Firmen sein. Diese Firmen haben gemeinsam, dass sie neue Angebote oder Prozesse entwickeln wollen und hierzu Unterstützung im akademischen Umfeld suchen. Falls ein Start-up ein Angebot bereits entwickelt hat und Unterstützung im Marktzugang sucht, sind andere Start-up-Hilfen besser geeignet.

powernewz: Als was versteht sich Energy-Connect und was für ein Gedanke steht grundsätzlich dahinter? Welche Ziele sollen mit der Projektbörse verfolgt werden?

Sabine Sulzer: Energy-Connect verbindet die Schweizer Hochschulen und Universitäten mit der Industrie um effektive Lösungsansätze zu schaffen. Ob es um technologische Entwicklungen, um künftige Geschäftsmodelle oder um neue Dienstleistungen geht: Energy-Connect unterstützt die Unternehmen, neue Produkte zu entwickeln und damit auch die Erreichung der Energiestrategieziele.

powernewz: An wen richtet sich die Projektbörse und wie funktioniert sie?

Sabine Sulzer: Energy-Connect richtet sich gezielt an Unternehmen aus der Energiebranche sowie an Schweizer Hochschulen und Universitäten und fördert die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Industrie und Forschung. Auf der Plattform werden Projektideen und Kompetenzprofile publiziert, auf die sich mögliche Partner bei Interesse direkt bei den Ideeneignern melden können. Die Durchführung der Projekte erfolgt dann im gebildeten Konsortium ausserhalb der Plattform.

powernewz: Welche Vorteile und Nutzen ergeben sich für die Teilnehmer an Energy Connect?

Sabine Sulzer: Energy-Connect vereinfacht gerade für kleinere und mittlere Unternehmen der Energiebranche, die passenden Ansprechpartner für ihre Wunschprojekte zu finden. Diese Unternehmen haben oft kein breites Netzwerk zu den Hochschulen und Universitäten. Hier wollen wir die Schwelle zur Kontaktaufnahme tief halten und somit den Zugang zu den Hochschulen erleichtern, damit ihre Wunschprojekte vorankommen.

powernewz: Für welche Bereiche der Energiebranche ist Energy-Connect gedacht? Welche thematischen Felder soll sie umfassen?

Sabine Sulzer: Energy-Connect ist für alle Bereiche der Energiebranche offen. Gerade interdisziplinäre Projektideen erfordern neue Partner über das bestehende Netzwerk hinaus. Mit Energy-Connect kann man gezielter geeignete Partner finden.

powernewz: Zu den Anfängen von Energy-Connect: Wann entstand die Idee dazu und von wem wurde sie angestossen? Wer ist heute Träger des Projekts?

Sabine Sulzer: Die Idee entstand bereits vor zwei Jahren im Gespräch mit Michael Paulus, Bereichsleiter Technik und Berufsbildung beim Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Viele der Partnerunternehmen im VSE erkennen die Herausforderungen in der Energiebranche und wollen sich weiterentwickeln. Dem VSE ist es ein Anliegen, seine Mitglieder bei ihrem Veränderungsprozess zu unterstützen. Aus dieser Motivation ist die Idee von Energy-Connect entstanden. Die Entwicklung von Energy-Connect wurde in Zusammenarbeit des VSE, der Hochschule Luzern Technik & Architektur, des Bundesamtes für Energie sowie der Swiss Competence Centers for Energy Research realisiert.

powernewz: Seit letztem April ist Energy-Connect aufgeschaltet. Wie sind die ersten Erfahrungen, die Sie bis heute gemacht haben? Wie stark wird die Projektbörse frequentiert? Wie viele Personen, Institutionen haben sich bereits angemeldet?

Sabine Sulzer: Seit Ende September machen wir Energy-Connect in der Energiebranche bekannt, nachdem wir in den ersten 6 Monaten im kleineren Kreis die Plattform testeten. Durch verschiedene Beiträge, Newsletters und Blogs, sowie Auftritten an Seminaren konnten wir ein breit abgestütztes Interesse feststellen. Zurzeit haben sich rund 60 Personen aus 48 Unternehmen und 60 Personen aus 11 Universitäten oder Hochschulen registriert. Wir konnten 17 Projektidee, darunter drei Calls vom BFE aufschalten.

powernewz: Konnten bereits erste Kooperationen zwischen Universitäten und privaten Unternehmen über Energy-Connect abgeschlossen worden?

Sabine Sulzer: Acht Projektideen wurden von mehreren Interessenten kontaktiert. Von drei Projektideen wissen wir, dass eine Kollaboration eingegangen wurde und bei zwei weiteren Projektideen steht eine Kollaboration noch in der Diskussion. Wir sind mit dem Start zufrieden und erwarten jetzt auf aufgrund solcher Interviews eine exponentielle Zunahme der Aktivitäten und Kollaborationen!

Prof. Dr. Sabine Sulzer
Die Projektleiterin von Energy-Connect ist Professorin für nachhaltige Energiesysteme an der Hochschule Luzern. Sie leitet zudem den Wissens- und Technologietransfer des Schweizer Kompetenzzentrums für Energieforschung an Gebäuden und Arealen (SCCER FEEB&D).