Seit Sommer 2013 stehen auf dem ETH-Campus Hönggerberg 60 grüne Bioabfalltonnen. Die Schaffung eines solchen Angebots auf dem Campus ist ein Beispiel dafür, wie die Thematik des Bioabfallsammelns in einen neuen Raum getragen wird und hier für die Thematik sensibilisiert. Oft haben solche Aktionen ihren Ursprung in einer individuellen Initiative.

Fast alle kennen die Situation. Auf dem Weg zur Arbeit, im Trainingscenter oder in der Pause isst man einen Apfel oder eine Frucht. Was nach dem Verzehr davon übrigbleibt, landet meistens im Kehricht und damit letztlich in einer Verbrennungsanlage. Auch vielen weiteren Speise- und Gemüseresten, die unterwegs in unserem Alltag anfallen, ergeht es gleich. Eigentlich ist das schade. Denn auch hier verbirgt sich viel erneuerbare Energie, die, mittels Vergärung oder Kompostierung, energetisch sinnvoller genutzt werden könnte.

Oft findet die Entsorgung von biogenen Abfällen im Kehricht im öffentlichen Raum schlicht aus Mangel an anderen Gelegenheiten statt. Durch das Fehlen der entsprechenden Biotonnen hier sinkt die Bereitschaft Bioabfälle vom herkömmlichen Abfall zu trennen rapide. Am Campus Hönggerberg der ETH ist das anders. Hier stehen, seit dem Frühjahr 2015 rund 60 grüne Bioabfallbehälter und laden Studentenschaft und Mitarbeiter dazu ein ihre anfallenden Bioabfälle, in den Vorlesungspausen, oder auf dem Heimweg in ihnen zu entsorgen. Das Angebot wird genutzt und sensibilisiert dabei gleichzeitig für die Thematik des Bioabfallsammelns.

Angestossen wurde die Sammelaktion am Hönggerberg seinerzeit von studentischer Seite. Powernewz.ch sprach mit Beat Baltensberger über das Projekt. Als Projektleiter bei der Abteilung Betrieb an der ETH war er von Beginn her an seinem Entstehungsprozess beteiligt.

ETH kompostiert!

Die Idee zu den grünen Bioabfallbehältern am Campus Hönggerberg hat ihren Ursprung im Jahr 2013. In einem Ideenwettbewerb. „An der ETH existiert schon lange die Philosophie, dass Studenten für bestimmte Projekte zur nachhaltigen Entwicklung des Campus Inputs geben können. Der Ideenwettbewerb ist eine Möglichkeit dazu“, so Baltensberger. Ivelina Grozeva nahm diese wahr. Mit ihrem Entsorgungskonzept „ETH kompostiert!“ gewann die seinerzeit gerade die frisch abgeschlossene Architektin den zweiten Platz der Ausschreibung.

Vom Grundgedanken ausgehend, dass mit der jährlich ansteigenden Studentenzahl auch die Menge an biologischen Abfällen am Hönggerberg steigen würden überlegte Grozeva, wie diese sinnvoll zu verwerten wären. Gleichzeitig war es ihr ein Anliegen die Studentenschaft vermehrt auf die Thematik des Bioabfallsammelns aufmerksam zu machen. So entstand die Idee, die anfallenden Abfälle in Biokübeln zu sammeln und auf die ETH-Kompoststelle am Hönggerberg zu transportieren, wo sie während sechs bis zwölf Monaten zu Kompost verarbeitet und dann wieder lokal, auf den Grünflächen der ETH, verwendet werden konnten. Kurze Transportwege, bestehende Infrastrukturen und nicht zuletzt die Überschaubarkeit eines Universitätscampus sollten der Umsetzung des Unterfangens dienlich sein.

Seitens der ETH wurde das Konzept aufgenommen und im Sommer 2014 beschloss man, es auf seine konkrete Umsetzbarkeit prüfen zu lassen. „Relativ bald hat sich für uns aber ergeben, dass das zu sammelnde Material nur sehr beding kompostfähig war und eigentlich auch zu wenig Bedarf für grössere Kompostmengen vorhanden war. So trat immer mehr die Idee in den Vordergrund aus dem zu sammelnden Material, mittels Vergärung, Biogas und letztlich Strom herzustellen.“ Am grundsätzlichen Gedanken der Bioabfallsammelaktion wollte man festhalten. Für die Dauer von vier Monaten begann am 1. April 2015 eine Pilotphase am Standort Hönggerberg, deren Resultate für die Weiterführung und allfällige Ausdehnung des Projekts ausschlaggebend sein sollten.

Pilotprojekt und regulärer Betrieb

Eingebettet war die Pilotphase des Projekts „Verwertung organischer Abfälle“ in ein ganzes Bündel von unterstützenden Massnahmen, die dessen Start begünstigen sollten. Dazu gehörte eine breite Informationskampagne, die, mit relativ einfachen Mitteln darauf aufmerksam machen sollten. So erhielten beispielsweise alle Mitarbeiter und Studierende des Standorts Hönggerberg entsprechende Informations-Mails und eine Website zum Projekt wurde eingerichtet, wo man sich von studentischer Seite mit Optimierungsvorschlägen für die Aktion einbringen konnte. Auf diese aufmerksam machte am 1. April 2015 auch ein Informationsstand in der Eingangshalle des Hauptgebäudes, wo die, am besagten Tag hereinströmenden Personen sich zur Aktion informieren lassen konnten und mit einem Apfel beschenkt wurden. Weiter existierten an jedem Sammelpunkt Plakate, die über die Aktion orientierten und auch aufzeigen, was hier explizit entsorgt werden konnte und auch was nicht.

 

Die 60 über den Campus Hönggerberg verteilten Bioabfallbehälter wurden von Anfang an rege genutzt. Dass die für ihren Standort gewählten Örtlichkeiten im Innenbereich und unmittelbaren Aussenbereich der Gebäude bewusst nach dem Kriterium des Personenaufkommens ausgewählt wurden, begünstigte dies. „Alle Behälter werden zwei Mal pro Woche geleert, die gesammelten Mengen gewogen und dann in Rollcontainer der Recyclingfirma umgefüllt. Zusammen mit den Bioabfällen der Gastrobetriebe am Campus werden sie der Vergasung zugeführt. Hier können wir die gegebenen Synergien im Bereich des Transportweges optimal nutzen“, so Baltensberger.

Nach der Ausdehnung der Pilotphase auf das Jahr 2016 wurde definitiv beschlossen, das Projekt auch weiterhin fortzuführen. Bis heute. „In allen Gebäudebereichen konnten wir seit Beginn der Aktion tendenziell eine leichte Steigerung bei den gesammelten Mengen feststellen“, meint Baltensberger. So wurden 2016 2‘722 kg Bioabfall am Hönggerberg gesammelt. 2017 waren es 2‘891 kg und bis Ende Juni 2018 2‘158 kg. „Umgerechnet in Energie konnten so bis heute 2‘276 kWh Ökostrom generiert werden. Das entspräche dem jährlichen Energieverbrauch von zwei Personen in einem Mehrfamilienhaus.“

Wie aus Apfelresten Strom entsteht

Produziert wird dieser Ökostrom im aargauischen Nesselbach. Bei der Recycling Energie AG. Aus rund 20 Prozent der in der Schweiz jährlich anfallenden Bioabfällen werden hier 18 Mio. kWh Strom produziert. Das reicht für den Stromverbrauch von rund 5000 Haushalten. Hier landen auch die Rollcontainer mit den in den grünen Bioabfalltonnen gesammelten Speiseresten und denjenigen des Gastrobetriebs vom Campus. Pro Tag treffen in Nesselbach rund 800 solcher Behälter mit Resten ein. In einer Hammermühle mit 1400 Umdrehungen pro Minute werden sie hier zunächst zerkleinert, verflüssigt und von Fremdstoffen gereinigt. Danach wird die flüssige Biomasse während einer Stunde bei 70 Grad Celsius hygienisiert um allfällige Keime abzutöten. Für den Fermentierungsprozess stehen zwei Hauptfermenter mit je 2000 Kubikmetern und ein Nachfermenter mit 3000 Kubikmetern zur Verfügung. Unter ständiger Aufsicht vergärt darin die flüssige Biomasse. Dabei entsteht Biogas, welches für die Stromproduktion verwendet werden kann. Die übrig gebliebene Biomasse findet ihre Verwendung als Naturdünger in der Landwirtschaft. Verstromt wird das gewonnene Biogas in einem Blockheizkraftwerk. Hier treibt es zwei 12 Tonnen schwere Jenbach-Gasmotoren an. Rund 40‘000 Tonnen Speisereste, Rüstabfälle aus Gastronomie und Industrie, sowie Gülle, Mist und Grüngut werden in Nesselbach jährlich verarbeitet.

Gemäss einer im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) 2016 erhobenen Studie zu Kompostier- und Vergärungsanlagen in der Schweiz existierten in der Schweiz 2013 368 solcher Betriebe. Zahlenmässig am stärksten hier vertreten sind Kompostierungsbetriebe (70%), gefolgt von landwirtschaftlichen Biogasanlagen (20%) und den industriell- gewerblichen Vergärungsanlagen (7%). Zu letzteren gehört auch die Recycling Energy AG. Sie zählt zu den ganz grossen in der Branche. Schweizweit ist sie eine von 39 Anlagen mit einer Verarbeitungskapazität von mehr als 10‘000 Tonnen pro Jahr.

Rund 1.26 Mio. Tonnen biogener Abfälle wurden in der Schweiz 2013 in den genannten drei Betriebstypen verwertet. Damit werden bei uns heute erheblich mehr biogene Abfälle gesammelt und verwertet, als man bis anhin angenommen hatte. Und der Aufwärtstrend hält an. Dies nicht zuletzt wegen der in den letzten Jahren intensiv geführte Energiediskussion im Zusammenhang mit der Energiestrategie des Bundes. So spielen biogene Abfälle hierzulande eine immer wichtigere Rolle als Rohstoffe für CO‘2 neutrale Energieträger. Gerade auch im Rahmen der Energiewende wird ihre Bedeutung künftig noch zunehmen. Dies vor allem auch wegen dem ihnen innewohnenden, bis anhin noch ausgeschöpften Potentials.

Bioabfall in neuen Räumen

Gemessen an den Mengen des sonst in Nesselbach verwerteten Bioabfalls fallen die in den Bioabfalltonnen am Hönggerberg gesammelten Quantitäten relativ bescheiden aus. Die potentielle Strahlungswirkung der Aktion sollte hingegen nicht unterschätzt werden. Mit der Schaffung des Angebots biologische Abfälle auch unterwegs, am Studienplatz, oder auch am Arbeitsort, sinnvoll entsorgen zu können, steigt tendenziell auch die Bereitschaft, dies auch sonst zu tun. Dass das, wie im Fall des Hönggerbergs, an einem Ort mit grossem Personenaufkommen geschieht entspricht, im Hinblick auf die zunehmende gesellschaftliche Mobilität, zudem einem aktuellen Zeittrend. Die Sammelbehälter sprechen ihre Nutzer da an, wo sie sich diese gerade aufhalten und bilden dabei gleichzeitig einen Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit der Thematik. In der Schweiz ist das relativ neu. Bis anhin war das Sammeln biogener Stoffe für Private etwas, das sich oft auf den heimischen Raum beschränkt hat und über kommunale Bring- und Holsysteme an bestimmte Punkte gebunden war.

„Die effektive Wirkung der Sammelaktion am Hönggerberg steht aus und müsste, mittels einer Umfrage eruiert werden“, so Baltensberger. „Tatsächlich erleben wir es auch immer wieder, dass Stoffe in die Bioabfallbehälter gelangen, die da eigentlich nicht hineingehören. Das ist schade und generiert zusätzlichen Aufwand. Glücklicherweise ist der Fremdverschmutzungsgrad in den Tonnen sehr gering.“ Fakt bleibt: Ohne die Sammelbehälter, wären wohl alle bis anhin darin gesammelten Abfälle im normalen Kehricht gelandet und kaum jemand hätte davon Notiz genommen.

Wie unlängst eine Gesamtschweizerische Erhebung zu biogenen Abfällen aus kommunalen Quellen im Auftrag des BAFU gezeigt hat, geschieht gerade das in der Schweiz von Jahr zu Jahr immer mehr. Von den jährlich 1.67 Mio. Tonnen auf kommunaler Ebene produzierten biogenen Abfällen werden rund 0.77 Mio. Tonnen gesammelt und der Kompostierung und der Vergärung zugeführt. Das entspricht einer Sammelquote von 45 Prozent. Der Rest (0.9 Mio. Tonnen) landet im Abfall und wird verbrannt. Dieser Anteil steigt tendenziell. Mit rund einem Drittel der anfallenden Abfallmenge bildet er in den KVAs heute die grösste Teilfraktion. Rein energietechnisch machen die feuchten und nassen Abfälle hier weniger Sinn und könnten besser genutzt werden.

Da biogene Abfälle bereits schweizweit flächendeckend gesammelt werden, hier aber nach wie vor erhebliches Steigerungspotential vorhanden ist, stellt die Studie die Frage, wie die Bioabfallsammelquoten, im Sinne der Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes, erhöht werden könnten? In diesem Zusammenhang spricht sie von unterschiedlichen Massnahmen, die „in die Tiefe“ gehen und meint damit unter anderen auch „die verstärkte Information an der Quelle.“ Hier reiht sich auch die Bioabfallsammelaktion der ETH am Hönggerberg ein. Mit ihren grünen Sammelbehältern visualisiert sie das Thema und hilft dabei den Wert des „Rohstoffes“ Bioabfall vor Ort „sichtbar“ zu machen. Mittel- bis längerfristig verändern solche Aktionen unser Verhalten und sind für eine effizientere und nachhaltigere Nutzung der Energiequelle Bioanfall wertvoll und sinnvoll. Allenfalls könnten sie auch verstärkt auf kommunaler oder sogar auf Firmenebene zu realisiert werden. Fragen punkto Umsetzung und anfallender Kosten müssten hier freilich zunächst geklärt werden und entsprechende Hürden nehmen. Die verstärkte Nutzung bestehender Synergien im Abfallmanagement könnte einer der möglichen Schlüssel dazu sein. Am Hönggerberg macht man es heute bereits so.