Viele Textilhersteller lassen ihre Kleider in billigen Herstellungsländern in Asien produzieren. Die Zukunft der Kleidung entsteht aber im schweizerischen St. Gallen, und zwar in Form von Smart Clothes. Elektronik in Textilien verschalten zu können ist etwas, woran Technologiegiganten bis jetzt scheiterten. Forster Rohner Textile Innovations ist aber genau das gelungen – als weltweit nahezu einzige Firma. Interview mit Managing Director Thomas Schwab.

 

Während viele Textil- und Kleiderfirmen aus Kostengründen in Asien produzieren, führt Forster Rohner einen signifikanten Anteil der Produktion immer noch in der Schweiz. Wie ist das möglich?

Die Fashion-Industrie, unser Kernmarkt, ist sehr schnelllebig und benötigt ständig neue Produkte mit möglichst kurzen Entwicklungszeiten. Der Standort St. Gallen ermöglicht es uns, in kurzer Zeit neue Innovationen – im Bereich von Design und technischen Entwicklungen –  sowie eine Flexibilität und einen proaktiven Kundenservice anzubieten. Ein hochmoderner Maschinenpark erlaubt eine effiziente Produktion mit kurzen Lieferzeiten.

Seit 2009 entwickelt der Geschäftsbereich Forster Rohner Textile Innovations elektronische Textilien. Wandelt sich die Gruppe damit von einer Textil- zu einer Technologiefirma?

Das Textil ist die Grundlage und steht bei allen Innovationen der Forster Rohner Gruppe im Vordergrund. Der Geschäftsbereich Forster Rohner Textiles Innovations ist nur ein Teil der Gruppe und ergänzt das Kerngeschäft für hochmoderne Stickerei Kreationen im Bereich DOB, Lingerie, Swim- und Loungewear sowie Interior.  Wenn man bedenkt, wieviel Technologie in der Textilproduktion steckt, so ist eine moderne Textilfirma immer auch ein Technologieunternehmen.Es deutet sich ab, dass sich zumindest ein Teil des Textilmarktes in Richtung Technologiemarkt verändert. Wir stehen mit unseren elektronischen Textilien somit nicht am Anfang, sondern haben den Weg dorthin mitgestaltet.

Ein Textiler Sensor, eingenäht in den Stoff.

Ein Textiler Sensor, eingenäht in den Stoff.

Forster Rohner sind nahezu die Einzigen, die elektronische Bauteile mit einem Textil verheiraten und verschalten können. Warum gelingt einem traditionellen Stickereiunternehmen etwas, woran Technologiegiganten scheitern?

Forster Rohner ist auf vielen Ebenen eine sehr innovative Unternehmensgruppe. Ziel ist es, die Stickerei unter Berücksichtigung der Tradition immer wieder neu zu erfinden. Vor einigen Jahren hat man in der Geschäftsleitung entschieden, die Entwicklung neuer Technologien im Bereich „Smart Textiles“ zu forcieren, d.h. miniaturisierte elektronische Bauteile ins Textil zu integrieren, ohne dabei die textilen Eigenschaften stark zu beeinträchtigen. Wichtig bei der Entwicklung war die Arbeit eines interdisziplinären Team aus Elektroingenieuren, Textilingenieuren, Stickerei Spezialisten und Material Wissenschaftlern. Oft fehlt in anderen Firmen, seien es grosse Elektronik Firmen oder grosse Textilunternehmen, die Berücksichtigung des jeweils anderen Bereichs. Die Berücksichtigung beider Aspekte „Textil und Elektronik“ war und ist ausschlaggebend für den Erfolg.

Ein Beispiel ihrer Smart Textiles ist e-broidery®, die Integration aktiver Beleuchtung in Textilien. Abgesehen von dem ästhetischen Effekt, was sind hier praktische Applikationen?

Aktive Beleuchtung erhöht die Sicherheit. Unsere e-broidery® Lichttextilien, welche für Interior Anwendungen vorgesehen sind, können abgesehen vom ästhetischen Effekt auch als Nachtlicht eingesetzt werden. Mit entsprechender Arbeitsbekleidung werden Polizisten, Bauarbeiter etc. bei ihrer Arbeit im Dunklen besser wahrgenommen. Selbiges gilt für den Bereich Sport. Jogger, Radfahrer und sonstige Sportler werden durch aktive Beleuchtung besser gesehen. Unter anderem wird die Technologie von unserem Partner Carpetlight genutzt, um u.a. Beleuchtungsequipment für Fotographie und Film herzustellen.

Die Heizung ist vollständig in das Textil integriert und faltbar.

Die Heizung ist vollständig in das Textil integriert und faltbar.

Nebst Lichttextilien fertigt Forster Rohner Textile Leiter, Heizungen und Sensoren an. Können Sie uns Beispiele für industrielle Anwendungen geben?

Industrielle Anwendungen sind z.B. Schaltmatten mit textilen Sensoren oder Heiztextilien für Sitzheizungen.

Beispiele für zivile Anwendungen?

Heiztextilien kommen meist im Bekleidungsbereich (z.B. Jacken) zum Einsatz. Sie sind äusserst leicht, flexibel und zudem waschbar. Andere Beispiele sind: Sensorflächen zur Überwachung der Körperfunktionen (z.B. EKG Gurt), Sensorflächen mit Feedback zum Sitzverhalten zur Dekubitus Prävention bei Rollstuhlfahrern.

Vorerst noch ein spezialisiertes Nischenprodukt: Vorhang mit LEDs.

Vorerst noch ein spezialisiertes Nischenprodukt: Vorhang mit LEDs.

Die smart Textilien von Forster Rohner sind waschbar. Wie umweltverträglich sind Smart Clothes bei der Entsorgung?

Die Forster Rohner Gruppe ist immer bestrebt, möglichst umweltschonend zu agieren. In der Entwicklung unserer Smart Textilien wurde besonders auf eine langfristige Einsatzmöglichkeit Wert gelegt. Unsere Textilien inkl. Stickerei sind waschbar und können im Vergleich zu Kunststoff auch geflickt werden. Im Falle unserer e-broidery® Lichttextilien wäre auch ein Austausch der LEDs möglich. Sollte ein Produkt dennoch entsorgt werden müssen, verhält es sich bei Smart Textiles wie mit anderen Elektronikprodukten. Da in diese elektronischen Bauteile integriert sind, müssen sie in der Entsorgung wie Elektronik-Geräte behandelt werden.

Woher kommt die Energie für mobile Smart Textiles wie das T-Shirt OS (mit über App steuerbarem Lichtmuster) oder die ZEGNA Icon Jacket (mit textiler Heizung)?

Die Energie kommt von Powerbanks, wie sie auch zum Aufladen der Handys verwendet werden.

Die meisten smart textiles scheinen eher spezialisiert in ihrer Anwendung – und nicht gerade günstig. Gibt es Potential für ein Massenprodukt, das in jeden Haushalt kommt?

Derzeit sind e-textiles, wie wir unsere Textilien nennen, spezialisiert und im Premiumpreis-Segment angesiedelt. Wir gehen aber davon aus, dass es ein Potential für Massenprodukte gibt und sich das Preisthema langfristig (Zeithorizont bis zu 10 Jahre) verändern wird.

Forster Rohner arbeitet unter anderem mit der EMPA zusammen. Diese hat letztes Jahr ein piezoelektrisches, elastisches Material entwickelt, das in Kleidung eingebunden über die Bewegung des Trägers Energie erzeugen könnte. Sind solche Entwicklungen für Forster Rohner interessant?

Die Nutzung der körpereigenen Energie wie Bewegung oder Wärme wird von vielen Forschungsinstituten verfolgt. Solche Entwicklungen sind interessant und werden von uns beobachtet. Bis zu einer marktreifen Lösung werden forschungsseitig noch einige Herausforderungen zu bewältigen sein. Bis dahin setzten wir auf bestehende Energielösungen.

Zuletzt eine spekulative Frage: Gäbe es ein waschbares, piezoelektrisches T-Shirt, das mein Smartphone oder Laptop aufladen kann, dürften nicht-smarte Kleider der Vergangenheit angehören. Ist dies ferne Science-Fiction oder ist dies im Bereich des Möglichen?

Waschbare, piezoelektrische T-Shirts werden aus Preisgründen ihren (Nischen-)Platz am Markt einnehmen. Wir gehen nicht davon aus, dass sie den sehr preissensitiven Textilmarkt komplett umkrempeln werden.