2008 haben die Zürcher die 2000-Watt-Gesellschaft in ihrer Gemeindeordnung verankert, mit vorzeigbarem Erfolg: Im Vergleich zum Rest der Schweiz ist ihr durchschnittlicher Stromverbrauch um einiges tiefer. Aber sind 2000 Watt überhaupt tief genug? Die Projektleiterin Fachbereich 2000-Watt-Gesellschaft der Stadt Zürich Tina Billeter Weymann beantwortet kritische Fragen zum Thema.

 

Frau Billeter, gleich vorweg, was tragen Sie als Individuum zur 2000-Watt-Gesellschaft bei?

Jede und jeder ist Teil der Gesellschaft und kann enorm viel beitragen. Persönlich bin ich bestrebt, meinem Sohn folgendes mit auf den Weg geben:

  • Essen: Lokale und saisonale Lebensmittel kaufen – lokale Wirtschaftsförderung pur.
  • Bewegung: Mehr spazieren und velofahren – der Gesundheit und dem Klima zuliebe.
  • Heizen & kühlen: Schicke Winterkleider und luftige Sommerkleider bevorzugen.
  • Heizungsersatz: Das klimafreundlichste System wählen, ohne fossile Energieträger.
  • Elektro- und Elektronikgeräte: AAA+ wählen und lange nutzen.
  • Innovation im Alltag: Teilen statt besitzen, reparieren statt wegwerfen.
  • Ferien: Die Schweiz entdecken statt in die Ferne schweifen.
  • Sich politisch engagieren: 2000-Watt-Anliegen befürworten.
  • Sich stets fragen: «Dörf’s au es bitzeli weniger sii?»

Beginnen wir bei den Grundlagen. Was ist überhaupt ein Watt und wie soll ich mir 2000 Watt vorstellen?

Vor 200 Jahren wollte der Erfinder James Watt bei einer Dampfmaschine angeben, wieviel diese im Vergleich zu einem Pferd (= 1PS) leistet. Er berechnete, dass eine Maschine mit einer Leistung von etwa 750 Watt ein Pferd ersetzt –  ein Arbeitspferd, das über lange Zeit die gleiche Arbeit verrichtet und so eine Dauerleistung erbringt. In der 2000-Watt-Gesellschaft wird zusätzlich berücksichtigt, welche Primärenergie es braucht, um nutzbare Energie zu erzeugen und zu transportieren, d.h. im konkreten Fall die Fütterung und Haltung des Pferds. Theoretisch würden mir also in der 2000-Watt-Gesellschaft etwa zwei Pferde zur Verfügung stehen, die dauernd im Einsatz sind.

Ein einziges Watt benötigt die neueste Generation von kleinen LED-Lampen – sie sind beispielsweise im Kühlschrank zu finden.

Genau das bekommt jeder Bürger in der 2000-Watt-Gesellschaft: 2 Pferde + Fütterung + Haltung entspricht etwa 2000 Watt.

Genau das bekommt jeder Bürger in der 2000-Watt-Gesellschaft: 2 Pferde + Fütterung + Haltung entspricht etwa 2000 Watt.

Woher kommt das Modell der 2000-Watt-Gesellschaft und was ist seine Vision?

In den 80er-Jahren stellte der Umweltminister Brasiliens während des Klimagipfels in Rio 1992 José Goldemberg fest, dass das Wohlbefinden der Menschen bis zum Energieverbrauch von 1000 Watt ansteigt, danach aber deutlich abflacht und nur noch leicht zunimmt. Daraus abgeleitet wurde in den 90er Jahren die ETH-Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt, die 2000 Watt Primärenergie-Dauerleistung (17‘520 kWh pro Jahr) als ein nachhaltig und entwicklungspolitisch verträgliches Mass für den persönlichen Energiebedarf bei hoher Lebensqualität definiert. Es ist die Vision der gerechten Zukunft, in der die Ressourcen für alle reichen und weltweit ein Leben von hoher Lebensqualität möglich ist. Gleichzeitig soll die Anpassung an die Zukunft möglich sein, da dem Klimawandel dank reduziertem Treibhausgasausstoss Einhalt geboten werden kann.

Seit 2008 ist die 2000-Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung der Stadt Zürich verankert. Bemerkenswerte 76 Prozent der Stimmbürgerinnen und -bürger stimmten damals JA. Verbunden mit dem Ziel, den Energiekonsum pro Person auf 2000 Watt zu senken (Zürich 2017: 3900 W), ist auch die Förderung der erneuerbaren Energien, um den Ausstoss der Treibhausgase auf 1 Tonne pro Person und Jahr zu reduzieren (Zürich 2017: 4,7 t), und letzteres bis ins Jahr 2050. Die neuesten Forschungen weisen allerdings darauf hin, dass dieses Ziel zu wenig ambitiös ist, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Die Stadt Zürich entschied sich 2008 auch – beruhend auf Wirtschaftlichkeits- und Risikoüberlegungen – auf neue Beteiligungen und Bezugsrechte an Kernenergieanlagen zu verzichten, sich folglich vom Atomstrom abzuwenden.

Nur noch 2000 Watt Energieverbrauch pro Person – wie erreichen wir dieses Ziel?

Anstrengungen sind auf allen Ebenen erforderlich: Dank Effizienz sollen Strom und Wärme ressourcenschonender generiert werden. Dank Konsistenz sollen die erneuerbaren Energien gefördert und die fossilen Energien reduziert werden. Und mit der Suffizienz soll die Genügsamkeit – und damit die Erkenntnis von «Weniger ist mehr» im Kontext unserer hohen Lebensqualität – reflektiert werden. Ob ein Paradigmenwechsel nötig sein wird, um von der Wegwerf- zur 2000-Watt-Gesellschaft zu gelangen, wird sich weisen. Dies hängt von uns und unseren heutigen Weichenstellungen ab im Zusammenspiel mit äusseren Einflüssen: Technik und Gesellschaftsentwicklung, Trends und Ansprüche, politische und klimatische Ereignisse.

In der 2017 verabschiedeten «Roadmap 2000-Watt-Gesellschaft» legt die Stadt Zürich dar, wie die 2000-Watt-Gesellschaft gezielt erreicht werden könnte. Die Roadmap gliedert die Massnahmen in fünf Stossrichtungen: Konsum, Siedlung, Gebäude, Energieversorgung und Mobilität. Grosses Potenzial liegt bei der Wärmeversorgung: Fossil betriebene Heizungen müssen ersetzt werden, entweder durch dezentrale Systeme mit erneuerbaren Energien oder durch Wärmeverbunde, die Umwelt- und Abwärme nutzen. Der Energieverbrauch von Gebäuden muss reduziert werden, indem energieeffizient gebaut und erneuert wird und effizientere Geräte eingesetzt werden. Beim motorisierten Individualverkehr und beim Flugverkehr müssen die CO2-Emissionen gesenkt werden. Auch der Umstieg auf eine nachhaltige Ernährung –  nachhaltige Güter generell – trägt zur Senkung der Energie bei, derjenigen Energie, die für Rohstoffgewinnung, Herstellung, Transport, (gekühlte) Lagerung, Verkauf und am Ende für die Entsorgung benötigt wird. Das Verspeisen von lokalen und saisonalen Lebensmitteln ist also nicht nur Genuss und lokale Wirtschaftsförderung, sondern ein Beitrag an die 2000-Watt-Gesellschaft.

So geht das: die detaillierte Roadmap zur Erreichung der 2000-Watt-Gesellschaft. Quelle: Stadt Zürich.

So geht das: die detaillierte Roadmap zur Erreichung der 2000-Watt-Gesellschaft. Quelle: Stadt Zürich.

Gibt es bereits vorzeigbare Erfolge, die das Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft realistisch erscheinen lassen?

In Anbetracht der steigenden Bevölkerungszahlen wird die Siedlungsfläche in der Stadt Zürich qualitätsvoll verdichtet und gleichzeitig eine Stadt der kurzen Wege angepeilt. Die ersten zertifizierten 2000-Watt-Areale sind entstanden, etwa Greencity auf dem Manegg-Areal oder das Freilager mit 1000 Wohnungen. Diese Areale zeichnen sich durch energieeffiziente Gebäude und zukunftstauglichem Mobilitätsangebot vor der Tür aus: öffentliche Verkehrsmittel, Fuss- und Velowege, E-Bikes und Autos im Ausleihsystem. Innovative Konzepte zum Heizen und Kühlen helfen, den Energieverbrauch pro Person drastisch zu reduzieren: Beim Freilager wird im Sommer die Abwärme des nahen Rechenzentrums in einem Erdsondenfeld gespeichert. Im Winter wird diese Wärme zum Heizen und für die Warmwassererzeugung genutzt. Die Stadt Zürich fördert stadtweit Wärmeverbunde und bietet Beratungen an, beispielsweise für alle, die Grundwasser thermisch nutzen möchten. Die stadteigenen Gebäude – von Alterszentren über Spitäler bis Schulbauten – werden nach strengen Vorgaben der «7-Meilenschritte» erstellt und saniert. Bei den 6‘700 städtischen Wohnungen werden Belegungsvorschriften durchgesetzt. ewz bietet ihren Privatkundinnen und -kunden nur noch Strom aus erneuerbaren Energiequellen an und fördert mit innovativen Produkten wie ewz.meinsolar die lokale Solarenergieproduktion. Basierend auf dem Programm «Stadtverkehr 2025» werden der öffentliche Verkehr sowie das Velonetz ausgebaut. Die 2000-Watt-Gesellschaft und ihre Infrastruktur werden zunehmend sichtbar!

Greencity ist das erste zertifizierte 2000-Watt-Areal.

Greencity ist das erste zertifizierte 2000-Watt-Areal.

Heute steht die Schweiz bei ca. 4900 Watt pro Person, die Stadt Zürich konnte ihren Verbrauch bereits auf 3900 Watt pro Person senken. Macht die Stadt Zürich etwas besser als der Rest der Schweiz?

Die Stadt Zürich ist ihrer Bevölkerung verpflichtet und verfolgt bereits seit zehn Jahren hartnäckig und innovativ ihr Ziel. Spezielle Umstände fördern das nachhaltige Engagement: Erstens gehören das Elektrizitätswerk (ewz), die Fernwärmeversorgung und die Verkehrsbetriebe (VBZ) der Stadt sowie ein Grossteil des Aktienkapitals der Gasversorgung (Energie 360°). Zweitens besitzt die Stadt Zürich Immobilien (u.a. Schulen, Altersheime, Pflegezentren, zwei Spitäler) sowie Tausende von Wohnungen. Angereichert mit einer Portion Weitsichtigkeit bezüglich Stadtentwicklung – ich denke da an den Bau von Infrastrukturen wie  öffentlicher Verkehr oder leitungsgebundener Energieversorgung – konnte sich die Stadt Zürich in eine vorbildliche Position bringen. Aktuelle urbane Trends helfen mit: teilen statt besitzen, reduzieren von Boden- und Wohnfläche pro Person, Stadt der kurzen Wege mit Kunst & Kultur vor der Haustür.

Was sind beispielhafte Projekte, mit denen die Stadt Zürich auf die 2000-Watt-Gesellschaft hinarbeitet?

Ein Blick in die Roadmap – noch besser ein Blick in die reale Stadt – zeigt beispielsweise:

  • Die Stromqualität wurde verbessert, was sich in der Berechnung der Primärenergiezahl niederschlägt.
  • Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs mit Lösungen für einen ökologischeren Modalsplit (sinnvolle Kombination von Fuss-, Velo-, Tram-, Bus-, Bahn- und Autoverkehr) wird vorangetrieben.
  • Es gelten strenge Vorgaben beim Bauen, Betreiben und Erneuern von stadteigenen Immobilien (z.B. Neubauten müssen den Standard Minergie-P-Eco erfüllen). Private Immobilienbesitzende können sich mittels Energie-Coaching beraten lassen.
  • Nachhaltigkeitsvorgaben gelten bei der öffentlichen Beschaffung.
  • Erste 2000-Watt-Areale auf städtischen Baurechtsflächen wurden realisiert.

Wo liegt heute das grösste Reduktionspotential für den Energieverbrauch?

Die Szenarien in der Roadmap zeigen klar: Das grösste Potenzial liegt bei der Transformation der Energieversorgung und beim energieeffizienten Bauten. Mit weitsichtigen Massnahmen können sowohl der Energieverbrauch als auch die Treibhausgasemissionen reduziert werden. Auf den Punkt gebracht heisst das: Ersatz von fossiler und nuklearer Energie durch erneuerbare Energien für die Wärmeversorgung und im Stromnetz. Zudem kann der Energieverbrauch der Bauten weiter gesenkt werden durch Wärmedämmung und effizientere Beleuchtung und Geräte.

Wo sehen Sie die grössten Hindernisse für das Erreichen des 2000-Watt-Ziels?

Der Umgang mit Zielkonflikten ist herausfordernd: Wie gestaltet sich der nachhaltige Konsum in einer Wachstumsgesellschaft? Wie ist der zunehmenden Mobilität in einer Wohlstandsgesellschaft Einhalt zu gebieten? Wie kann der Flugverkehr reduziert und klimafreundlicher gestaltet werden? Wie sind Gebäudeerneuerungen mit günstigem Wohnraum in Einklang zu bringen? Eine Herausforderung ist auch der Faktor Zeit, denn die energieeffiziente Erneuerung aller Gebäude benötigt Zeit und wird nicht abgeschlossen sein bis 2050.

Seit das Modell Anfang 90er Jahre entwickelt wurde, kamen neue Energieverbraucher auf den Markt: Smartphones, E-Bikes, Smart Wearables. Und neue werden sicher noch kommen. Sind das schlechte News für die 2000-Watt-Gesellschaft?

In den letzten zwanzig Jahren hat die Technik grosse Fortschritte gemacht, gerade was die Energieeffizienz anbelangt. Der neue Kühlschrank benötigt 50 Prozent weniger Strom als sein Vorgänger. Ich empfehle, bei einem Neukauf nur Geräte mit der Energieetikette A++ und A+++ zu berücksichtigen! Natürlich hat die Menge an Smartphones zugenommen, die Menge an stromfressenden Stereoanlagen hingegen hat abgenommen. E-Bikes liegen im Trend: Falls eine E-Bike-Fahrt eine Autofahrt ersetzt, ist dies ein Beitrag an die 2000-Watt-Gesellschaft. Ich persönlich sehe die Herausforderung bei der Kreislaufwirtschaft: Es gilt, langlebige Produkte zu schaffen, die ausreichend repariert, bei Bedarf getauscht und am Ende im Sinne von Urban Mining rezykliert werden können.

Wann werden wir Ihrer Einschätzung nach das 2000-Watt-Ziel erreichen – im besten oder im schlechtesten Fall?

Die Anstrengungen seitens Behörde sind enorm und beginnen zu fruchten. Seit die 2000-Watt-Gesellschaft 2008 in der Gemeindeordnung verankert wurde, sind nun 10 Jahre vergangen und die Roadmap zeigt klar den Weg samt Verbesserungsoptionen. Gemeinsam mit vielen innovativen Akteuren auf dem Platz Zürich – und hoffentlich bald auch mit Unterstützung und wegweisenden Vorgaben seitens Kanton und Bund (z.B. CO2-Abgabe auf Treibstoffe, Verbot von Heizungen mit fossilen Brennstoffen etc.) – müssen wir hartnäckig am vorgegebenen Absenkpfad festhalten: Bezüglich Primärenergie haben wir das Zwischenziel für 2020, den Primärenergiebedarf auf 4000 Watt zu senken, erreicht. Doch bei den Treibhausgasen wird die Stadt Zürich das Zwischenziel für 2020 voraussichtlich nicht schaffen: noch vier Tonnen Treibhausgase pro Kopf und Jahr. Bleibt dieser Trend bestehen, so wird es schwierig sein, die 2000-Watt-Gesellschaft bis 2050 zu erreichen.

Heute liegt der globale durchschnittliche Energieverbrauch bei ca. 2500 Watt, und dies hat bereits starke Auswirkungen auf das Klima. Mal angenommen, wir haben das 2000-Watt-Ziel erreicht – weltweit. Reicht das?

Der reduzierte Konsumhunger wirkt sich positiv aus auf das bisherige Ausbeuten der Natur (fossile Energieträger, seltene Erden etc.); menschgemachte Umweltkatastrophen werden reduziert. Nicht zuletzt bietet die 2000-Watt-Gesellschaft auch geopolitisch viele Vorteile.

Ein Wehrmutstropfen bleiben die Treibhausgase in unserer Atmosphäre. Ich bin skeptisch. Auch wenn wir ab sofort unseren jährlichen Pro-Kopf-Ausstoss auf 1 Tonne CO2-Äquivalente limitieren würden, ist klar, dass wir in der Vergangenheit unsere Atmosphäre bereits mit viel Treibhausgasen angereichert haben. Die Szenarien zur Erwärmung der globalen Erdatmosphäre variieren stark, doch scheint es, dass bei einem Anstieg von 1.5 °C es eher gelingen wird die Folgen in den Griff zu bekommen als bei markanten 8 °C.

Tina Billeter Weymann ist Projektleiterin Fachbereich 2000-Watt-Gesellschaft, Stadt Zürich, Umwelt- & Gesundheitsschutz.