Die alte Idee der unterirdischen Magnetschwebebahn im Luftarmen Tunnel bekommt unter dem Label ‚Hyperloop‘ einen neuen Anlauf. Heute befinden sich Länder wie Indien, USA, China und die Vereinigten Arabischen Emirate in einem regelrechten Wettrüsten um den ersten Hyperloop. In der Schweiz wurde ein derartiges Projekt über Jahrzehnte diskutiert und schliesslich wegen mangelnder Finanzierung aufgegeben. Haupthindernis für die Umsetzung damals wie heute sind die hohen Tunnelbohrkosten.

Als der Unternehmer Elon Musk gelangweilt im Stau vor Los Angeles feststeckte, postete er auf Twitter die Idee für seine nächste Firma: The Boring Company. Um die Verkehrsüberlastung zu bewältigen, müssen Strassen dreidimensional werden. Entweder bewegen sie sich nach oben mit schwebenden Autos, oder nach unten mit Tunnelsystemen. Da Tunnel keinen Lärm machen, nicht herunterfallen können und sicher vor Wettereinflüssen sind, scheint diese Option am logischsten.  Der systematischen Unterhöhlung der USA steht aber etwas im Weg, was die Schweizer von den Alpentunnels her gut kennen: die hohen Kosten. Genau diese soll The Boring Company senken.

Die Senkung der Kosten ist Musk schon bei Batterien und Weltraumraketen gelungen. Deshalb liessen sich für The Boring Company relativ schnell Investoren finden, wenn auch zuerst nur über den Verkauf von Hüten und Flammenwerfern.

Schneller und billiger bohren

Gemeinschaftliche Transportmittel im Tunnelsystem sollen gegenüber dem Individualverkehr Vortritt haben.

Die Kosten für Tunnelbohrungen senken will The Boring Company auf zwei Wegen. Erstens, indem die Firma den üblichen Tunnel-Durchmesser halbiert. Ein einspuriger Verkehrstunnel ist heute durchschnittlich 8.5 Meter breit. Stattdessen sollen die Autos auf einem Schlitten in einer fixierten elektrischen Schiene fahren. Dies reduziert die Breite des Tunnels auf 4.25 Meter und kostet 3-4mal weniger.

Elektrische Bohrmaschinen sollen Tunnels für den Hyperloop schaffen.

Elektrische Bohrmaschinen sollen Tunnels für den Hyperloop schaffen.

Zweitens soll die Geschwindigkeit der Bohrmaschinen drastisch erhöht werden. Heutige Weichboden-Bohrmaschinen sind mehr als 14mal langsamer als eine Schnecke, was die Dauer der Bauarbeiten und dadurch auch die Kosten in die Höhe treibt. Die Geschwindigkeit plant The Boring Company auf technologischem Wege zu erhöhen. Bohrmaschinen sollen vollständig automatisiert werden, ihren Output mittels stärkeren Kühlsystemen verdreifachen und Elektrizität anstatt Diesellokomotiven nutzen.

Ziel von The Boring Company ist schliesslich auch, die Kosten für den Hyperloop zu senken. In einer über 50-Seitigen Publikation legt Musk dabei diese Idee für ein Transportsystem dar, das schneller als jeder Hochgeschwindigkeitszug werden soll. Da er selber zu beschäftigt mit SpaceX und Tesla sei, lade er jeden dazu ein, die Idee zu realisieren. Virgin Hyperloop One war eine der Firmen, die so entstand.

Virgin Hyperloop One

Die technologische Idee an sich ist nicht neu. Eine Kapsel schwebt in einer luftarmen Röhre magnetisch über dem Gleis und beschleunigt mittels einem linearen elektrischem Antrieb  auf Geschwindigkeiten von bis zu 1080 km/h – schneller als kommerzielle Flugzeuge. Die Röhren werden entweder auf Säulen oder unterirdisch gebaut, um gefährliche Überquerungen zu vermeiden und das Wildleben zu schonen.

Die oberirdische Teststrecke für den Hyperloop in Nevada.

Die oberirdische Teststrecke für den Hyperloop in Nevada.

Der Lärm, der eine Hyperloop Kapsel bei höchster Geschwindigkeit verursacht, ist angeblich äquivalent zu einem Lastwagen, der ohne Räder und Motor mit 104 km/h vorbeifährt, oder „Wuush“. Da der Hyperloop alleine auf Elektrizität basiert, kann er seine Energie von jeder beliebigen Quelle beziehen. Im Idealfall wäre er vollständig CO2-neutral. Hyperloop One ist auch energieeffizienter als vergleichbare Hochgeschwindigkeitstransportmittel. Maglev-Züge brauchen auf der ganzen Strecke Energie, Hyperloop One nur auf Teilstrecken.

Auch in Zukunft sollen die Hyperloop-Vehikel die Grösse dieser Testkapsel XP1 nicht überschreiten.

Auch in Zukunft sollen die Hyperloop-Vehikel die Grösse dieser Testkapsel XP1 nicht überschreiten.

Am 9. Mai 2016 gelang Hyperloop One der entscheidende Freiluft-Test, bei dem das Testvehikel in 2.3 Sekunden auf 216 km/h beschleunigte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hyperloop One bereits die Zusammenarbeit mit globalen Ingenieursfirmen wie der Deutschen Bahn und General Electric gesichert. Im August 2017 gelang ein zweiter Test im sogenannten DevLoop in Nevada. Die erste Transportkapsel beschleunigte auf 305 km/h in 5 Sekunden und bremste sicher wieder ab.

Internationales Wettrüsten für den Hyperloop

Ziel von Virgin Hyperloop One ist, spätestens bis 2021 eine voll funktionale Strecke errichtet zu haben, die Güter und Passagiere transportiert. Wo dies ein wird, ist noch unklar, da bereits mehrere Länder Interesse zeigen. Verschiedene Staaten in den USA selber kommen in Frage. Saudi-Arabien, Indien und die vereinigten Arabischen Emirate haben bereits Verträge mit Virgin Hyperloop One abgeschlossen.

Entwurf für den geplanten Hyperloop-Bahnhof in Dubai.

Entwurf für den geplanten Hyperloop-Bahnhof in Dubai.

Aus Asien kommt ausserdem starke Konkurrenz. Chinas staatliche Raumfahrtfirma CASIC kündigte letztes Jahr an, einen eigenen Hyperloop zu entwickeln. Dieser soll Teil einer neuen Seidenstrasse werden und Europa und China mit 4000 km/h schnellen Kapseln verbinden – 3 bis 4mal so schnell wie Musks Vision des Hyperloops. Die Ressourcen dazu hätte CASIC, aber das Projekt befindet sich noch im Forschungsstadium.

Design eines Hyperloop Kontrollzentrums.

Design eines Hyperloop Kontrollzentrums.

Am nahsten bei einer Umsetzung bleibt daher vorerst Virgin Hyperloop One. In Kansas, Texas und Karnataka (Indien) führt die Firma zurzeit Machbarkeitsstudien durch. Washington hat The Boring Company die Bewilligung erteilt, einen Tunnel für den Hyperloop zu bohren. Der indische Staat Maharashtra will mit einer Verbindung zwischen Pune-Mumbai 150 Millionen Passagierreisen pro Jahr generieren. Dies soll Indiens Wettbewerbsfähigkeit durch Innovationen und von Arbeitsplätzen im Hochgeschwindigkeits-Transportbereich stärken. In Dubai wird der Hyperloop schon sehr konkret: Die Stadt liess Designs für Stationen und Kontrollzentren entwerfen und hat sogar schon prototypische Kapseln bauen lassen.

Warum wollen plötzlich alle einen Hyperloop?

Aussenansicht der geplanten Hyperloop-Station in Dubai.

Aussenansicht der geplanten Hyperloop-Station in Dubai.

In seiner ersten Phase ist der Hyperloop vor allem darauf ausgerichtet, eine schnelle Verbindung zwischen zwei Endpunkten herzustellen, ohne Zwischenstopps. In der Praxis dürfte der Hyperloop daher zunächst als Verbindungsglied zwischen grossen urbanen Zentren dienen.

Bereits dies dürfte aber die Gesellschaft, Ökonomie und Arbeitsmarkt einer Volkswirtschaft beschleunigen und flexibilisieren. Das Angebot für Wohnungen und Arbeitsplätze wächst, wenn hunderte Kilometer auf wenige Minuten zusammenschrumpfen. Wer Zürich arbeitet aber die teuren Mieten umgehen will, kann dies einfacher tun, wenn er die Stadt in 12 Minuten von Bern aus erreichen kann.

Gerenderte Innenansicht einer Hyperloop-Kapsel.

Gerenderte Innenansicht einer Hyperloop-Kapsel.

In späteren Ausbauphasen des Hyperloops sollen grössere Röhren entstehen. Diese sollen Schiffcontainer direkt vom Hafen in die Grosstädte transportieren und so die Strassen entlasten. Im Gegensatz zu Zügen, Flugzeugen und Schiffen sollen die Kapseln des Hyperloops aber grundsätzlich nicht grösser werden, sondern zerstückelter und zahlreicher. Die Kapseln können sich dadurch an der individuellen Nachfrage orientieren und fahren nur dorthin, wo ihre jeweiligen Passagiere hinwollen.

Die heute fälschlicherweise oft Musk zugeordnete Hyperloop-Idee ist nicht neu. In der Schweiz könnten wir den Hyperloop schon längst haben. Mit der Swissmetro hat die Schweiz ein ähnliches Projekt über Jahrzehnte hinweg diskutiert und anschliessend trotz erfolgreicher Machbarkeitsstudie durch die ETH wegen mangelnder Finanzierung aufgegeben. Angesichts der grossen Nachfrage, die Hyperloop One heute global erfährt, scheint das Versenken der Swissmetro eine verpasste Chance.