Unter dem Namen Collect 26 E entwickelt und produziert die Winterthurer Firma Futuricum AG den ersten vollelektrischen 26 Tonnen-Lastwagen der Schweiz. Seine spezifischen Eigenschaften prädestinieren das Fahrzeug für den Einsatz in der Kehrrichtlogistik.

Gegenwärtig erlebt die Elektromobilität weltweit einen erheblichen Aufschwung und die Anzeichen verdichten sich, dass sich diese Tendenz in Zukunft noch verstärken wird. So bieten bereits heute viele grosse Autohersteller Hybrid- und reine Elektrofahrzeuge zur Nutzung im Individualverkehr an. Auch in der Schweiz sind Elektrofahrzeuge beliebt. Waren sie hierzulande bis vor wenigen Jahren noch selten anzutreffen, so hat sich dies mittlerweile verändert. Einerseits hängt das damit zusammen, dass die entsprechenden Fahrzeuge heute, nicht zuletzt durch den rasanten technischen Fortschritt, konkurrenzfähig geworden sind. Andererseits ist diese Entwicklung gleichsam Ausdruck eines sich allmählich verändernden Umweltbewusstseins in der Gesellschaft.

In der Schweiz wurden, gemäss Angaben des Bundesamtes für Statistik (BFS), 2010 4‘451 Hybrid- und reine Elektrofahrzeuge in Verkehr gesetzt. 2015 waren es 12‘667 und 2016 bereits 14‘112. Verglichen mit den Neuzulassungen von Diesel- und Benzinerfahrzeugen (2016: 304‘261) ist die quantitative Präsenz von Elektrofahrzeugen in der Schweiz zwar noch gering, aber eine Tendenz lässt sich hier klar erkennen. Dass Unternehmen wie Volvo, Daimler oder VW unlängst angekündigt haben in der nahen Zukunft grosse Summen in die vermehrte Entwicklung der Elektromobilität zu investieren, lässt einen in diesem Zusammenhang aufhorchen. Das wirtschaftliche Potential der Elektromobilität wird von dieser Seite heute als immer bedeutender eingestuft. Fabian Wyssmann, Leiter Vertrieb und Marketing der Winterthurer Denkfabrik der Elektromobilität mit Namen Designwerk GmbH sieht das auch so. „Die Elektromobilität gehört praktisch zu jedem zukunftsträchtigen Mobilitätsmodell. Nicht nur, wenn wir die teils hochgesteckten Klimaziele einmal erreichen wollen. Elektrofahrzeuge verfügen, gegenüber solchen mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren, auch über zahlreiche, zentrale Vorteile, die vor allem in spezifischen Anwendungsbereichen zum Tragen kommen können.“

Wyssmann weiss, wovon er spricht. In einer Halle auf dem ehemaligen Sulzerareal in Winterthur hat die Futuricum AG, eine neu gegründete Tochtergesellschaft vom Designwerk, den ersten vollelektrischen 26 Tonnen-LKW seiner Klasse in der Schweiz gebaut und ausgeliefert. Den Collect 26 E. Drei weitere sollen demnächst folgen und schon bald ihren Dienst in der Kehrrichtlogistik von Schweizer Städten verrichten.

Schon von Anfang an dabei und erst spät weiterverfolgt

Anders als im Bereich des Individualverkehrs, wo Elektrofahrzeuge die Marktreife erreicht haben und je länger je mehr mit der Konkurrenz auf Augenhöhe mithalten können, hat die Entwicklung des elektrischen Nutzfahrzeugs die Schwelle dieses Stadiums heute erst gerade überschritten und längere Erfahrungswerte in der Praxis stehen noch aus. Dabei gehen die ersten Ansätze zum elektrischen Lastwagen bereits auf das beginnende 20. Jahrhundert zurück. Namen wie Bergmann, Hentschel, Flader und Schiemann waren damals Begriffe für Hersteller für Nutzfahrzeuge mit Elektroantrieb. Mit der Leistungssteigerung der Benzin- und Dieselmotoren und dem Sinken der Preise für Kraftstoffe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam die Entwicklung aber vorerst zum Stillstand. Erst mit der Jahrtausendwende sollte sich das wieder ändern. Immer mehr rückten ab da an die mit den Verbrennungsmotoren von Fahrzeugen einhergehenden Problematiken für die Umwelt und die Gesundheit zunächst in den Fokus der Politik und später in denjenigen der öffentlichen Wahrnehmung. Die Forschung und Entwicklung im Bereich der Elektromobilität im Individualverkehr erfuhr dadurch eine erneute Belebung und schon nach wenigen Jahren waren erste Hybrid- und reine Elektrofahrzeuge am Markt präsent.

Bei der Entwicklung von elektrischen Nutzfahrzeugen verlief die Entwicklung verzögert, auch wenn hier von den gewonnenen Erkenntnissen im PW-Bereich erheblich profitiert werden konnte. Die Gründe dafür sind vielseitig, liegen aber vor allem auch an den spezifischen Anforderungen, die an Nutzfahrzeuge, im Vergleich zu solchen im Individualverkehr, gestellt werden. So war es für grössere Hersteller unattraktiver die Entwicklung des Elektrolastwagens zu forcieren. Das könnte sich nun aber schon bald ändern. Das Marktpotential in einer ganz spezifischen Nische für elektrische Nutzfahrzeuge, nämlich der urbanen Umgebung, lockt.  So stellt beispielsweise Daimler seit diesem Jahr den „Urban E Truck“ in Kleinserie her und Tesla hat diesen November den „Semi“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit ihrem Collect 26 E ist die Futuricum AG aus Winterthur an vorderster Front bei diesem Trend dabei. Im Sommer konnte das erste Fahrzeug an die Firma Haldimann AG aus Murten ausgeliefert werden und Anfang des kommenden Jahres sollen drei zusätzliche Fahrzeuge für weitere Kunden folgen.

Zusammen zum ersten 26 Tonnen E-Lastwagen der Schweiz

Die Realisierung des Collect 26 E ist ein Gemeinschaftsprojekt, das bis Ende 2018 ausgelegt ist. „Unser Ziel war es, einen serientauglichen, wirtschaftlich betreibbaren 26 Tonnen- Elektrolastwagen mit genügend Leistung zu bauen, der sich für den Einsatz in der Schweizer Topografie eignet.“ Nebst Volvo Schweiz, der Contena-Ochsner AG, Huber und Suhner, der Batteriewerk Schweiz AG und weiteren Partnern, sind auch Institutionen aus dem universitären Umfeld und die NTB mit von der Partie. Als „Leuchtturmprojekt“ des Bundesamtes für Energie (BFE) erfährt es gleichsam Unterstützung von dieser Seite. Eigens für die Weiterentwicklung, Lancierung und die Vermarktung des Fahrzeuges wurde die Futuricum AG ins Leben gerufen. Auch über 2018 hinaus soll das Unternehmen Bestand haben und den Collect 26 E in die Zukunft führen.

Hinter dem Unternehmen steht die Designwerk GmbH, die 2007 von Tobias Wülser gegründet wurde und heute 23 Mitarbeiter beschäftigt. „Unsere Firma ist spezialisiert auf die Entwicklung von elektrischen Antriebstechnologien, der konstruktiven Auslegung von Antriebssträngen, dem Bau von Hochleistungsbatterien und der Produktion von Ladeinfrastrukturen für Elektrofahrzeuge.“ Für Aufsehen in der Branche und den Medien sorgte die Designwerk GmbH in der jüngeren Vergangenheit beispielsweise mit der Entwicklung des Zerotracers, einem Kabinenmotorrad, mit dem die erste vollelektrische Weltumrundung gelang, aber auch mit dem neuen Postzustellfahrzeug DXP und dem ersten 18 Tonnen E-LKW der Schweiz.

Was drin steckt und was er kann

Angesprochen auf die Namensgebung des neuen Fahrzeugs meint Wyssmann: „Futuricum steht einerseits als Erinnerung an die legendären Fahrzeuge der Marke Turicum, die am Anfang des 20. Jahrhunderts in Zürich entstanden sind und möchte damit eine Hommage an die Pionierarbeit des Schweizerischen Fahrzeugbaus sein. Andererseits steckt im Namen aber auch der Anspruch, die Zukunft des Elektromobils aktiv mitzugestalten. Der Modellname leitet sich aus seiner Bestimmung ab.“ Der Collect 26 E ist als Werstoffsammelfahrzeug konzipiert. Betrieben wird es von vier Elektromotoren mit einer Leistung von 560 KW (760PS). Die dafür notwendige Energie zieht der Collect 26 E aus zwei Li-Ionen-Batterien mit je 135 kWh, die, gemäss Angaben des Herstellers, mit einem „On Board Charger“ (2x22kW) in sieben Stunden, respektive einem „Off Board Charger (150kW) in zwei Stunden voll aufgeladen werden können. „Bei einem Gesamtgewicht von 26 Tonnen und der vollen Nutzlast von 9.5 t hat der Collect 26 E eine maximale Reichweite von 150 km. Ohne Ladung beträgt die Reichweite 300 km.“ Durch die bereits gesammelten Erfahrungen im Umbau von konventionellen Lastwagen zu E-Lastwagen existierte beim Unternehmen schon länger der Gedanke einen Lastwagen in dieser Kategorie zu bauen.

Die offizielle Zusammenarbeit mit den Projektpartnern am Collect 26 E begann am 16. September letzten Jahres mit dem medienwirksamen Ausbau des 6 Zylinder Dieselmotors eines Volvo – Lastwagens des Models FM auf dem ehemaligen Sulzerareal in Winterthur. Der Startschuss zum Umbau des Fahrzeuges mit konventionellem Verbrennungsmotor zu einem vollelektrischen war damit gefallen. Bereits drei Monate darauf, am 22. November konnte der Collect 26 E erstmals erfolgreich in Betrieb genommen werden und im Januar 2017 meisterte er die 468 Kilometer zum Aufbautenhersteller im österreichischen Bischofshofen problemlos in zwei Etappen. Seit diesem August ist das Fahrzeug in der Kehrrichtlogistik bei der Haldimann AG in Murten im Einsatz. „Unsere ersten Erfahrungen beim Einsatz des Collect 26 E als Abfallsammler haben gezeigt, dass die in diesem Bereich üblichen Streckenprofile abgedeckt werden können. Im Durchschnitt legt ein solches Fahrzeug auf seiner täglichen Tour in der Schweiz rund 73 km zurück.“

Prädestiniertes Einsatzgebiet: Kehrrichtlogistik

Dass der Collect 26 E als Kehrrichtsammler konzipiert ist, ist auf den ersten Blick nicht sofort verständlich. Auf den zweiten aber umso mehr. „In der Kehrrichtlogistik kommen seine spezifischen Eigenschaften besonders zum Tragen. Mit elektrischen Lastwagen müssen wir heute dort ansetzen, wo es bereits Sinn macht. Das heisst vor allem bei Einsätzen mit kürzeren, vordefinierten Streckenprofilen, wie sie beispielsweise bei der Abfallsammlung in Städten üblich ist.“ Konventionelle, dieselbetriebene Kehrrichtsammelfahrzeuge zeichnen sich, durch ihre häufigen Starts und Stopps, verantwortlich für erhebliche Lärm- und Schadstoffbelastungen in bewohntem Umfeld. „Mit dem Collect 26 E gibt es diese nicht mehr.“ Ebenso für das Fahrzeug sprechen seine hohe Energieeffizienz, seine geringen Wartungskosten und der Wirkungsgrad der Elektromotoren. Dieser beträgt, gemäss Angaben der Futuricum AG bis zu 97%. „Darüber hinaus ermöglichen die Elektromotoren unseres Lastwagens, eine sofortige Entfaltung des Drehmoments, eine schnellere Beschleunigung und vor allem auch, durch die sogenannte Rekuperation, die Rückgewinnung der beim Bremsen freigesetzten Energie. Damit ist das Fahrzeug, gemäss ersten Erfahrungen, bis zu fünf Mal effizienter als seine dieselbetriebenen Mitstreiter.“ All dies sind gute Argumente dafür, dass der Collect 26 E schon bald auch an weiteren Orten anzutreffen sein könnte. Langzeiterfahrungswerte mit dem System stehen heute jedoch noch aus. „Für 2018 sind, vor allem auch im Rahmen des Leuchtturmprojekts, weitere Tests und Erhebungen punkto gesellschaftlicher Akzeptanz, Verbrauch und Wirtschaftlichkeit des Collect 26 E geplant.“ Konkretes Interesse am Fahrzeug wird jedoch bereits jetzt von verschiedenen Seiten bekundet. Auch aus dem Ausland. „Mit vier grossen Städten stehen wir hier momentan im Gespräch und erleben auch ein reges Interesse an unserem Fahrzeug.“

Botschafter eines neuen Mobilitätskonzepts und Energiewende

Das Leuchtturmprogramm des Bundes gilt, gemäss Angaben des BFE, als eine der Massnahmen, marktnahe Entwicklungen und innovative Ideen im Cleantech-Bereich zu fördern. Damit soll die Energiezukunft in der Schweiz sowohl in Fachkreisen als auch in der Bevölkerung konkret sichtbar gemacht werden. Durch die Zusammenarbeit des BFE mit der Futuricum AG wird der Collect 26 E damit zu einem Vorzeigeprojekt für ein neues, zukunftsträchtiges Mobilitätskonzept, dem man in der Schweiz insgesamt künftig vermehrt begegnen wird und stellt einen vielversprechenden Teilaspekt davon dar.

Mittelfristig könnte der Elektromobilität eine wichtige Rolle bei der Energiewende zukommen. Denn auch wenn der Stromverbrauch in der Schweiz durch ein grösseres Aufkommen von Elektrofahrzeugen stiege, würde der Energieverbrauch insgesamt, wegen der hohen Effizienz von Elektrofahrzeugen, sinken. Eine breitere Durchdringung des Marktes mit solchen steht heute zwar noch aus aber die Zeichen mehren sich, dass diese nicht mehr allzulange auf sich warten lassen könnte. Zahlreiche Fragen, wie beispielsweise diejenige nach zusätzlichen Ladeinfrastrukturen oder auch die nach den dafür notwendigen Verteilnetzen stellen sich in diesem Zusammenhang und harren noch der Antworten. Für das Erreichen der Pariser Klimaschutzziele wäre eine stärkere Verbreitung der Elektromobilität insgesamt jedenfalls wünschenswert. Vor allem dann, wenn die dafür verwendete Energie auch umfänglich aus erneuerbaren Energien stammt. Bei der Futuricum AG rennt man damit offene Türen ein. „In Gesprächen mit Kunden erleben wir immer wieder, dass hier ein starkes Bedürfnis existiert, elektrische Fahrzeuge mit einer erneuerbaren Energie, wie beispielsweise der Photovoltaik, zu kombinieren.“ Auch hier zeigt sich der gesellschaftliche Wandel, der sich seit der jüngeren Vergangenheit abzeichnet.