In Hinwil ist von Climeworks die weltweit erste kommerzielle Anlage in Betrieb genommen, die CO2 direkt aus der Umgebungsluft filtert. Die Technologie könnte zukünftig dazu beitragen, menschliche Treibhausgasemissionen auszugleichen. Die gefilterte Luft ist im Vergleich zur CO2-Gesamtmenge aber sehr klein. Deshalb führt an einer massiven Reduktion des Treibhausgas-Ausstosses trotzdem kein Weg vorbei.

Direct Air Capture bezeichnet das Entfernen von Karbondioxid aus der Umgebungsluft, um dieses zu lagern und nutzbar zu machen. Nach erfolgreichen Pilotversuchen mit dieser Technologie entwickeln heute verschiedene Startups kommerzielle Nutzanlagen.

Philanthropische Privatinvestoren wie Bill Gates finanzieren Carbon Engineering. Das Startup in Kanada entwickelt die Technologie seit 2009 und kann erfolgreiche Prototypen und Pilot-Demonstrationen vorweisen. Ihr Ziel ist, ab 2020 mit möglichst grossen Anlagen möglichst viel Treibhausgas einzufangen: eine Million Tonnen CO2 pro Anlage pro Jahr.

Ein anderer Ansatz verfolgt Global Thermostat, ein Startup in New York, unterstützt unter anderem durch die Energiefirma Summit Power. Ziel von Global Thermostat ist die Produktion von CO2 mit möglichst tiefen Kosten durch die Nutzung von Restwärme anstatt Elektrizität.

Das Rennen gewonnen hat aber vorerst eine Schweizer Firma, die im Mai 2017 die weltweit erste kommerzielle CO2-Filteranlage in Betrieb nahm: Climeworks.

Ein Schweizer Startup mit grossen Ambitionen

Auf dem Dach der Kehrricht-Verbrennungsanlage Hinwil errichtete Climeworks ihre Anlage, die mit der vorhandenen Hitze das Treibhausgas direkt aus der Luft saugt und filtert. Die Filteranlage soll so pro Jahr 900 Tonnen CO2 aus der Luft gewinnen. Climeworks leitet das geerntete Treibhausgas in ein nahes Gewächshaus, dessen Produktivität so um bis zu 20% erhöht werden kann.

Das geerntete CO2 von Climeworks erhöht das Wachstum um bis zu 20%.

Die Ambition von Climeworks beinhaltet mehr als besser wachsendes Gemüse. Ihr Ziel ist gemäss Climeworks CEO Gebald, bis 2025 mit ihren Anlagen 1% der weltweiten CO2-Emissionen kompensieren zu können und so eine der grössten globalen Herausforderungen anzugehen. Dies entspräche der Menge an Liefercontainern, welche Shanghai in 2 Wochen passierten und damit etwas, das für die globale Wirtschaft möglich sei.

Diese Verschmelzung von grüner Ideologie und Unternehmertum erinnert an die Unternehmenskommunikation anderer Firmen und steht in Dramatik und Emotionalität ihren amerikanischen Konkurrenten in nichts nach. Audi, ein finanzieller Unterstützer von Climeworks, setzt ihre Technologie geschickt für die Evolution des eigenen Brands ein. Audis Claim „Vorsprung durch Technik“ bekommt in ihrem PR-Video eine grüne Dimension, während sich Ästhetik und Inhalt konsistent auf die Darstellung der neuen Technologie fokussiert.

Energieeffiziente Technologie

Die von Climeworks eingesetzte Technologie scheint durchdacht, unkompliziert und praktisch. Ein Ventilator saugt die Umgebungsluft ein, und das CO2 darin bindet sich an das Filtermaterial. Alle anderen Moleküle passieren durch den Filter und verlassen die Einfangeinheit als ein Luftgemisch mit viel tieferem Treibhausgasgehalt.

Funktionsweise von Climeworks‘ CO2 Filteranlage.

Wenn die CO2-Moleküle den Filter vollständig beladen haben, erhitzt sich dieser auf 95° Celsius. Die Moleküle kommen so frei. Die Einfangeinheit kann sie einsammeln und ihre Arbeit fortsetzen.

Diese Art Treibhausgas einzufangen ist kosteneffizient. Insbesondere wenn die dafür notwendige Wärme wie im Fall von Climeworks‘ Anlage auf dem Dach von Hinwil direkt aus der Kehrrichtverbrennungsanlage verwendet werden kann.

Das geerntete Treibhausgas kann nebst dem Betreiben von Gewächshäusern auch als Rohmaterial weiterverwendet werden. Als Kühlmaterial fürs Auto, Kohlensäure in Getränken, Bestandteil für neue Materialen, synthetische Treibstoffe, Plastik, oder Biodünger. Hier wird heute teilweise noch mit künstlichem CO2 aus der Chemie gearbeitet, was angesichts des überschüssigen Treibhausgases in unserer Luft unnötig scheint. Eine wirklich signifikante Reduktion des Treibhausgases in der Luft wird über solche CO2-Filteranlagen aber wohl nicht erreicht werden.

Keine Alternative zur Treibhausgas-Reduktion

Alleine um den Treibhausgas-Ausstoss in der Schweiz zu kompensieren, müssten rund 60’000 Filteranlagen errichtet werden (ausgehend von 53 Millionen Tonnen CO2). Zum Vergleich: In der Schweiz gibt es 30 Kehrrichtverbrennungsanlagen wie jene in Hinwil, auf welcher die erste kommerzielle CO2-Filteranlage gebaut wurde.

Global stosst die Menschheit jedes Jahr 35 Gigatonnen Treibhausgas aus. Wenn Climeworks vorgibt, bis 2025 1% der globalen CO2-Emissionen kompensieren zu wollen, müssten sie nochmals rund 388’000 Anlagen wie jene in Hinwil errichten.

Diese Symbiose von Kehrichtanlage und CO2-Filter kann es in der Schweiz maximal 30mal geben.

Dies ist extrem visionär, möglicherweise unrealistisch, oder vielleicht einfach eine werberische Übertreibung. Das eine Prozent ist aber geschickt gewählt. Diese gleichzeitig bescheidene und ambitionierte Zahl zeigt, dass Treibgas-Verwertung kein Ersatz für die Reduktion der Treibhausgas-Emissionen sein kann. Erst wenn die Emissionen gesamthaft sinken, können Technologien wie jene von Climeworks relevante Anteile kompensieren.