Die Fusion zwischen Tesla und Solarcity vereinigt neueste Batterie- und Solartechnologien zu einem integrierten Energieökosystem. Am Leben erhalten werden die finanzierungsintensiven Technologieunternehmen mit einer geschickten Unternehmenskommunikation, die auf ökonomisches Kalkül und eine gewaltige Zukunftsvision setzt.

Im November 2016 übernahm der Elektroauto-Hersteller Tesla den Solarpanel-Vertreiber SolarCity für 2.6 Mrd. USD. Die Unternehmen verschmolzen damit zu einem diversifizierten Konglomerat, das Energie von der Herstellung bis zu Speicherung und Transportation anbietet.

Bei der Übernahme hielt Investor und CEO Elon Musk alle Fäden in der Hand. Als studierter Physiker bringt der Unternehmer konkrete Vorstellungen mit, wie neue Technologien miteinander funktionieren können. Die dafür notwendigen finanziellen Mittel beschafft sich Musk mit einer geschickten Unternehmenskommunikation, die grosse Zukunftsvisionen mit eiskalten wirtschaftlichen Überlegungen vereint.

Unsichtbare Solardächer

American Dream in Suburba: Einfamilienhaus mit unsichtbarem Solardach.

SolarCity entwickelt, produziert und installiert Solarstromanlagen für Privathaushalte und Firmen. Letztes Jahr präsentierte Musk die neuen Solardächer von SolarCity: Sie bestehen aus Glasplatten, welche die Ästhetik von herkömmlichen Dachziegeln imitieren und dazu noch stabiler, langlebiger und billiger sein sollen. Dass Musk als Verwaltungsratsvorsitzender dieses revolutionäre Produkt einen Monat vor der Aktionärsabstimmung zur Übernahme von SolarCity enthüllte, ist ein typisches Beispiel für das strategische Bewusstsein des Erfinders und Unternehmers.

2006 gründeten die Rive Brüder SolarCity mit dem Geld ihres Cousins, Elon Musk. Dieser war damals Gründer des erfolgreichen Transaktionsunternehmens PayPal. Später gründete er zusätzlich das Raumfahrtunternehmen SpaceX, den Elektroautohersteller Tesla, das Neurotechnologie-Startup Neuralink und das Tunnelbau-Unternehmen The Boring Company.

Mit dem Kapital aus seiner ersten Firma PayPal finanzierte Musk SolarCity, während seine Cousins das Unternehmen operativ führen. 7 Jahre später war Solarcity bereits das zweitgrösste US-Unternehmen auf dem Gebiet der installierten Solarstromleistung.

Fusion trotz Finanzierungsschwierigkeiten

Technologieintensive Firmen wie SolarCity verbrennen Unmengen an Geld. Als das Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten geriet, kaufte Musks zweite Firma SpaceX stillschweigend die meisten der ausgeschriebenen Wertpapiere. Er selbst finanzierte sowohl SolarCity als auch Tesla mit persönlichem Kapital, wenn dies notwendig war. Diese unkonventionellen Manöver mit Musk im Zentrum machten Investoren zurecht nervös und liessen die Tesla-Aktien nach der Verkündung der Übernahme zunächst um 10% sinken.

Trotzdem stimmten bei der Generalversammlung im November 85% der Aktionäre (unter Enthaltung von Musk und seinen Cousins) für die Fusion der verschuldeten SolarCity mit der ebenfalls verschuldeten Firma Tesla – und schufen so eine neue Art von Energieunternehmen.

Die neue Energiefirma

Um Investoren damals von der Fusion und heute zum Kauf von mehr Aktien zu überzeugen, zielt eine von Musks Argumentationslinien auf die logische Ergänzung der Technologien beider Firmen: Tesla war eine Firma für Elektroautos und mit dem Kauf von SolarCity wird sie zur einzigen nachhaltigen Energie-Firma, die Elektrizität erzeugt, speichert und transportiert. Mit der Fabrik „Gigafactory“ hatte Tesla bereits Unsummen investiert, damit Lithium-Batterien effektiver und billiger werden – insbesondere für die eigenen Elektroautos.

Das erste von 5 geplanten „Gigafactories“ zur Massenproduktion von Lithium-Ionen-Batterien.

Für SolarCity macht die vertikale Integration mit einer speicherorientierten Firma wie Tesla Sinn. Wie andere erneuerbare Energien ist auch Solar anfällig auf Schwankungen. Effektive Batterien sind essenziell für SolarCity, damit gewonnene Solarenergie für wolkigere oder kürzere Wintertage gespeichert werden kann.

Umgekehrt fügt sich das Solardach perfekt in das Ökosystem der Tesla-Produkte ein. Es kann nicht nur das Elektroauto in der Garage aufladen, sondern auch die Powerwall, die aufladbare Lithium-Ionen-Hausbatterie. Diese wird verkauft als Notstromvorrat für Stromausfälle, Naturkatastrophen, oder, wie es auf der Webseite von Tesla heisst, für die Zombieapokalypse.

Die Kombination von Tesla und SolarCity soll nicht nur technologisch und markttechnisch Sinn machen, sondern sich in eine grössere Zukunftsvision einfügen. Gemeint ist damit nicht (nur) die Zombieapokalypse, sondern vor allem die Bedrohung durch den Klimawandel.

Unternehmerisches Kalkül als Zukunftsvision

Teslas Mission ist es angeblich, den weltweiten Übergang zu nachhaltiger Energie zu beschleunigen. Dass Unternehmen wie Kirchen Werte kommunizieren ist nichts Ungewöhnliches. Im Falle von Tesla ist ihre Mission aber etwas mehr als nur Kitsch zur Beeinflussung von Konsumenten und Investoren. Die Marktveränderung zugunsten von billigeren Preisen nachhaltiger Energietechnologie ist nämlich bereits spürbar, auch wenn sie längst nicht allein von Tesla ausgeht. Startups wie TwingTec profitieren von den reduzierten Preisen für Elektromotoren und -Batterien und können sie zur Entwicklung eigener Innovationen nutzen.

Dass Musk in Zeiten von rekordtiefen Ölpreisen unbeirrt die Kosten von Lithium-Batterien und Solarenergie mittels Überproduktion senken will, basiert auf eiskalter Logik: „Es ist total logisch, dass wir auf lange Sicht nachhaltige Energien haben werden, weil nicht nachhaltige Energien per Definition nicht nachhaltig sind.“

Während andere Silicon Valley Unternehmen sich damit begnügen, mit Social Media Apps Daten ihrer Nutzer zu sammeln und Werbung zu verbreiten, denkt Musk in grösseren Dimensionen und kommuniziert dies selbstbewusst. Die neue Energiefirma Tesla will mit nachhaltigen Energien unseren Einfluss auf das Klima verbessern, während seine Raumfahrtfirma SpaceX nichts Geringeres als multiplanetares Leben ermöglichen soll.

Aktionäre schien die Mischung aus grossartiger Ideologie und eiskaltem, wirtschaftlichen Kalkül zu überzeugen. Im April 2017 übertraf der Marktwert Teslas sogar die beinahe 100 Jahre ältere General Motors, die grösste Autofirma Amerikas.  Musks Vision schien Investoren zu inspirieren – zum Glück. Denn deren Geld ist lebensnotwendig für die Vision, oder schon nur für das kleinste Vorwärtskommen von technologieintensiven Firmen wie SolarCity und Tesla.

Kevin Bloch