2016 stellte die Schweiz einen Rekord auf, indem sie im Wallis den höchsten Windpark Europas fertigstellte. Die Alpen und das Juramassiv prädestinieren die Schweiz für Windenergie. Quantitativ bleibt ein Ausbau wie in Dänemark oder China aber unerreichbar. Dafür fehlen das Meer, der Platz und der politische Wille, was die Windenergie zur technologischen Weiterentwicklung zwingt.

Bei der Nutzung der Windenergie liegt die Schweiz mit 0.2% des Gesamtstromverbrauches unter den europäischen Ländern ganz hinten. Selbst Bulgarien (4.0%) und Rumänien (12.5%) haben hier grössere Anteile. Dank der Wasserkraft (56%) steht die Schweiz bei der Nutzung erneuerbarer Energien international im Mittelfeld. In Kombination mit der zwar nicht erneuerbaren aber CO2-neutralen Atomenergie (39%) gilt die Schweiz als vorbildlich, wenn es um die Erreichung  internationaler Klimaziele geht. Das Potential für Wasserkraft ist allerdings bald ausgeschöpft, da der Platz für neue Staumauern weniger wird. Dass zusätzlich die Errichtung von Windrädern stockt, liegt sowohl an natürlichen als auch an menschlichen Hindernissen.

Natürliche Grenzen

Ende 2016 machte Windkraft in Europa 10.4% des gesamten Stromverbrauchs aus. Spitzenreiter ist Dänemark mit 36.8%, gefolgt von Irland mit 27.0%. Am Schluss stehen Norwegen (0.5%) und die Schweiz (0.2%). In Norwegen stammt 99% der Energie aus Wasserkraft, weshalb sie vorerst auf einen Ausbau der Windenergie verzichten können. In der Schweiz macht die Wasserkraft 56% aus. 36% kommen aus Kernkraftwerken, die in mittelfristiger Zukunft abgeschaltet werden.

Was die Schweiz von Windenergie-Ländern wie Dänemark unterscheidet sind einerseits die natürlichen Voraussetzungen: Dänemark verfügt mit seinen grossflächigen Meeres-Untiefen und hohen Windgeschwindigkeiten die perfekte Ausgangslage für riesige Windparks. Andererseits verfügt Dänemark mit seinem Entscheid, 1985 (ein Jahr vor Chernobyl) Atomkraftwerke zu verbieten einen politischen Vorsprung.

Den politischen Vorsprung hat die Schweiz mit der angenommenen Volksabstimmung zur Energiewende nun eingeholt. Die Atomkraftwerke werden abgeschaltet und erneuerbare Energien sollen gefördert werden.

Je höher, desto mehr Wind.

Der natürliche Vorteil ist uneinholbar, da die Schweiz weder über Meereszugang noch über riesige Flächen verfügt. Trotzdem ist innerhalb der Schweiz mehr möglich als heute, denn für Windenergie entscheidend ist die Höhe, weil der Wind dort stärker weht. Mit dem Juramassiv und den Alpen besitzt die Schweiz diesbezüglich eine einzigartige Ausgangslage, wie erste Anlagen zeigen. Windturbinen im Unterwallis übertreffen punkto Auslastung teilweise Standorte in der Nordsee. Durch die Stauseen in den Alpen ist die Infrastruktur schon vorgegeben – wie auch im Falle des zuletzt fertiggestellten Windparks Gries im Wallis, Europas höchstem Windpark.

Europas höchster Windpark

Transport der Rotorblätter über die Passstrasse.

Im September 2016 wurde der Windpark Gries in Betrieb genommen. Auf 2465 m.ü.M. in der Nähe des Nufenenpasses wurde die bestehende Pilotanlage mit drei zusätzlichen Windenergieanlagen zum ersten Windpark des Kanton Wallis erweitert. Von der Erstellung der ersten Pilotanlage bis zur Fertigstellung des gesamten Windparks dauerte der Bau zehn Jahre. Die schmalen Passstrassen und engen mussten mit Tausendfüssler-Lastwagen überwunden werden, welche die je 45 Meter langen Rotorblätter transportierten.

Die Umweltverbände waren schlussendlich mit dem Bau einverstanden, weil der Nufenenpass bereits erschlossen war und Infrastrukturen wie Stromleitungen wegen dem bestehenden Stausee bereits vorhanden waren. Zusatzmassnahmen zum Schutz von Vögeln und Fledermäusen halfen bei den Verhandlungen.

Der Windpark Gries versorgt mit jährlich 10 Gigawattstunden Strom pro Jahr 2850 Haushalte, was etwa dem Verbrauch der ganzen Region Goms entspricht. Dies ist vergleichbar mit dem Wasserkraftwerk des Griessees, der 17.8 Gigawattstunden pro Jahr leistet mit einer Technologie, die Jahrzehnte Vorsprung zur Ausreifung hatte.

Der Platz für solche Projekte in der Schweiz ist zwar begrenzt aber noch nicht ausgeschöpft. Im Weg stehen nicht nur der Fehlende Ozean und Fläche sondern auch politische Barrieren.

Menschliche Barrieren

Was die Schweiz von Wind-Ländern stark unterscheidet ist nebst dem fehlenden Ozean und Fläche die schweizerische Einsprache-Kultur. Wenn in Frankreich ein Windrad beschlossen wird, ist es 2 Jahre später aufgestellt. In der Schweiz können Bürger visionäre Projekte verhindern, und das hat Tradition: In Andermatt wurde 1946 in einem Volksaufstand der Ingenieur für eine Staumauer verprügelt und verjagt.  Mit 200 Meter Höhe hätte die geplante Staumauer das Drei-Schluchten-Kraftwerk in China übertroffen und die schweizerische Energieversorgung weitgehend gelöst, wenn auch auf Kosten von 2000 Einwohnern, 140 Bauernhöfen, 90 Betrieben und 17 Hotels.

Heute können Anwohner oder Umweltverbände unkompliziert und ohne Volksaufstände Einspruch erheben und den Bau verzögern oder verhindern, und das ist gut so. Die Gründe dafür sind heutzutage allerdings weniger existentiell. Bei Windrädern drehen sich Diskussionen oft um gefährdete Fledermäuse oder Vögel, ästhetisch störendes Aussehen oder Lärm.

Im Fall vom Nufenenpass wird weder die unberührte Natur gestört noch Lärm erzeugt. Das Hotel-Restaurant auf Passhöhe wird von lärmenden Motorrädern besucht, und Stromleitungen führen vom Stausee bis ins Tal. Der Gemeindepräsident vom Obergoms Christian Imsand meinte beim Richtfest, dass sich der Windpark als „Attraktion, die Natur und Technik versöhnt“ in die Landschaft einfügt. Höchst unwahrscheinlich, dass viele Menschen diese eher ideologisch geprägte Ästhetik teilen werden, wenn es zum Bau weiterer Windräder ausserhalb von Passstrassen kommen sollte.

Ästhetisch passend oder nicht: die Alpen waren schon immer Schauplatz ambitionierter Bauprojekte.

Das Projekt ist typisch schweizerisch. Die Alpen sind weltweit das am intensivsten genutzte Gebirge, und zwar nur dank hochpräziser und ambitionierter Ingenieurskunst. Dass man beim Bau der Windparks in der Schweiz aber behutsam vorgeht ist sinnvoll. Man sollte die Entwicklung neuer Technologien wie mobile Windanlagen oder Fusionsenergie im Auge behalten bevor man die Alpen mit stationären, potentiell in mittelferner Zukunft obsoleten Windrädern schmückt. Mit fortschreitender technischer Entwicklung wird die Energieeffizienz von Windparks ihre Nachteile überwiegen und auch Anwohner und Umweltverbände überzeugen. Dieser Prozess ist evolutionär, langsam und überlegt und erzwingt Innovation – auch typisch schweizerisch.

Kevin Bloch

 

Position von ewz zu Windenergie in der Schweiz:

Die Schweiz ist kein Windland. Wenn Investitionen dort erfolgen sollen, wo mit dem eingesetzten Franken der grösste Ertrag erwirtschaftet werden kann, dann ist dies für Windanlagen eher im Ausland der Fall. Grundsätzlich ist ewz aber gegen Förderbeiträge, damit Standorte für Anlagen nach wirtschaftlichen Kriterien ausgewählt werden. In der Schweiz könnte der Bau von Windanlagen trotzdem erleichtert werden: ewz ist mit seinen Windparks in Mollendruz und Provence schon seit über 10 Jahren im Bewilligungsprozess, ohne dass eine Kilowattstunde Windstrom produziert wurde.