Seit einigen Jahren begegnet man dem Begriff der «Smart City» immer wieder. Für die künftigen Herausforderungen, die an unsere Städte gestellt werden, könnten die Konzepte, die hinter dem Begriff stehen, von zentraler Bedeutung werden.

Weltweit wachsen die Städte. Gemäss einer Studie der UNO aus dem Jahr 2014 werden 2050 rund zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Derzeit liegt der Anteil an Personen, die in grösseren urbanen Zentren auf unserem Planeten leben bereits bei über 50 Prozent. Für die Städte der Zukunft ergeben sich aus dieser Tendenz unterschiedliche und vielschichtige Problemstellungen. Im globalen Wettbewerb von heute und morgen müssen sie einerseits für Ihre Bürger und ihre lokalen Wirtschaftsträger attraktiv bleiben und andererseits aber ebenso vielseitigen Herausforderungen wie beispielsweise dem nachhaltigen Ressourcenverbrauch, dem Umweltmanagement oder der steigenden Mobilität gerecht werden. Ein Ansatz, diesen Spagat zu schaffen, ist das Konzept der «Smart City». Im Gespräch mit Norbert Ender, dem Leiter Smarter Cities bei der IBM Schweiz AG geht powernewz.ch dem Phänomen nach. Was in der breiten Öffentlichkeit noch Erklärungsbedarf hat, ist in manchem Bereich unseres städtischen Lebens bereits Wirklichkeit geworden und dürfte für dieses auch künftig wegweisend sein.

Norbert Ender, IBM

Norbert Ender, Leiter Smarter Cities bei der IBM Schweiz AG

Wann ist eine Stadt «smart»?

Fragt man Norbert Ender, wie Zürich in fünfzig Jahren dereinst aussehen könnte, blickt er aus dem Fenster des Hauptsitzes der IBM Schweiz auf den Bahnhof Zürich Altstetten und meint nachdenklich: «Ich habe keine Kristallkugel, aber sicher wird unser Alltag bedeutend vernetzter und digitaler sein.» Was Ender damit anspricht, ist ein Prozess, der seit der Jahrtausendwende für das urbane Umfeld in zahlreichen Ländern immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Durch neue Technologien werden innerstädtische Prozesse zunehmend digitaler gestützt und vernetzt. «Die Digitalisierung durchdringt heute immer mehr Bereiche unseres täglichen Lebens. Zentral dabei wird sein, wie wir sie für das Leben in unseren Städten künftig gewinnbringend nutzen können und welche Bedeutung ihr dabei zukommen wird.» In diesem Zusammenhang spricht man vom Entstehen sogenannter «Smart Cities». Von Experten werden Städte dann als «smart» bezeichnet, wenn sie «die an sie gestellten Herausforderungen mittels eines partizipativen Einsatzes, unter Einbezug verschiedenster Anspruchsgruppen unter Mithilfe neuer Technologien, zu lösen versuchen.» «Das letztliche Ziel dabei ist es», so Ender, «kommende Herausforderungen der Urbanisierung abzufedern und die dabei entstehenden Probleme auf eine intelligente Art zu lösen.» Unterschiedlichste Bereiche des städtischen Lebens könnten dabei «smarter» gemacht werden. Eine grosse Entwicklung in den vergangenen Jahren stellt Ender heute für die Städte gerade im Bereich der städtischen Mobilität oder der Kommunikation fest. «Aber auch im Umgang mit zukunftsweisenden, nachhaltigen Energieträgern oder der Gestaltung einer bürgernahen Verwaltung hat das Konzept der «Smart City» grosses Potential.»

Smart werden

Sowohl seitens der EU als auch der Schweiz wird der Idee der «Smart City» in den vergangenen Jahren eine immer grössere Bedeutung zugemessen. Im Rahmen der Energiestrategie 2050 des Bundes bekommt sie hierzulande sogar eine ganz besondere Dimension. Vor allem im Bereich der Energie. Mit dem Ausstieg der Schweiz aus der Atomenergie kommt der vermehrten Förderung der Energieeffizienz in den Bereichen der Mobilität, von Dienstleistungen, Gebäuden und Produktionsprozessen eine wichtige Rolle zu. Ein möglicher Schlüssel, hier Optimierungen zu erzielen, ist die vermehrte Digitalisierung und Vernetzung der beteiligten Technologien in den Städten. Also quasi das «smarter» machen unserer grössten Energieverbraucher. Aber auch die Forcierung alternativer Energien ist ein zentrales Element der Energiestrategie 2050. In diesem Zusammenhang sind neue, technologiegestützte, „smarte“ Ideen gleichfalls von zentraler Bedeutung. «Mit der vermehrten Förderung der Windkraft und der Sonnenenergie entwickeln sich unsere Stromnetze zunehmend Richtung «Smart Grid». Neue Entwicklungen im Bereich intelligenter Steuerung, von neuartigen Batteriespeichertechnologien und vielen mehr sind heute bereits Realität geworden.» Die Ideen hinter den Konzepten zur «Smart City» sind aber noch bedeutend vielseitiger. Was bei uns auf politischer Ebene die Folge eines Plebiszits ist, entspricht auch unterschiedlichsten Bedürfnissen, die auch auf den Mikroebenen unserer Städte bereits länger existieren. IBM erkannte das schon früh. Seit dem Aufkommen des Begriffs der «Smart City» gehört das Unternehmen zu den Pionieren in diesem Bereich. Anfang der 2000er Jahre lancierte IBM die Initiative «Smarter Planet», die sich Bereichen wie Bildung, Mobilität, Gesundheitswesen und Energie widmete und wie diese Herausforderungen mit IT intelligent angegangen werden können. IBM macht das bis heute. Als Konsequenz der Erkenntnisse aus «Smarter Planet» entwickelte das Unternehmen in der Folge das Programm «Smart City Challenge». «Dabei können Städte mit ihren spezifischen Problemstellungen an uns gelangen und wir erarbeiten dann innerhalb von drei Monaten in gemeinsamen Teams, wobei unsere Mitarbeiter bewusst international zusammengesetzt sind, Lösungsansätze und präsentieren sie dann den Stadtverantwortlichen.» Rund 20 Projekte dieser Art werden so jedes Jahr von IBM realisiert. So wurden beispielsweise 2014 für die Stadt Dublin Vorschläge erarbeitet, wie man die Solarenergie in der Stadt vermehrt fördern könnte. Als Folge davon stehen heute auf nahezu allen öffentlichen Gebäuden der Stadt Solar-Panele. Ein anderes Beispiel ist die Stadt Memphis in den vereinigten Staaten. In Zusammenarbeit mit IBM konnte 2015 eine Lösung dafür gefunden werden, wie medizinische Notrufe effizienter bearbeitet werden konnten.

Technologie als Katalysator der Evolution

Anders als bei neuen Städten wie beispielsweise dem vielzitierten, südkoreanischen New Songdo, einer Retortenstadt, die bereits von der Planungsphase her als ultimative «Smart City» konzipiert worden ist, werden Städte bei uns «evolutiv» smarter. Projekte einzelner Städte, aber auch die Interessensgemeinschaft «IG Smart City» und die vom Bund geförderten Projekte der Energiestädte läuten hierzulande einen Wandel ein. Dabei zeigen die ca. 100 Schweizer Projekte, die die «IG Smart City» in ihrer Datenbank auflistet, dass wir auf diesem Weg erst am Anfang sind. «Wichtig ist es, dass wir auch auf zukünftige Herausforderungen und Bedürfnisse in unseren Städten agil und adäquat reagieren können», so Ender. «Die Technologie hilft dabei.» Die zunehmende Vernetzung unserer Städte in den unterschiedlichsten Bereichen ist gleichzeitig auch Anreger und Wegbereiter für ein neues, technologiegestütztes Denken. Dabei entstehen Wechselwirkungen. Ender erläutert das an den Beispielen «smart Work» und «smart Mobility». «Unsere Verkehrsinfrastrukturen sind in den Spitzenzeiten am Morgen und am Abend überlastet. Dazwischen aber weitgehend unterbelastet. Weitere Ausbauten werden immer teurer und lassen sich auch immer schwieriger lösen. Wenn wir nun vermehrt «intelligent», also verschoben reisen würden, könnten wir dieses Dilemma lösen. Dazu sind aber auch neue Arbeitsmodelle, also «smart Work», gefragt. Die Technologien für solche neuen und flexiblen Arbeitsformen ist verfügbar. Im Bereich der Kommunikation haben sie sich bereits durchgesetzt.» Facebook, Twitter, Instagram, etc. sind schon lange unsere ständigen Begleiter auf dem Arbeitsweg. Widerstände dagegen gibt es heute freilich noch viele.